„Die Wohlgesinnten“: Logik der Täter

Jonathan Littells Roman „Die Wohlgesinnten“ verbindet die fiktiven Lebenserinnerungen des SS-Offiziers Maximilian Aue mit realen Ereignissen und Personen der NS-Zeit. Die Ich-Erzählperspektive löste in Deutschland Befürchtungen aus, dass der Roman einem Täterkult Vorschub leisten könnte. War das gerechtfertigt?

Aue lebt unter falscher Identität in Frankreich und verfasst dort seine Erinnerungen. Als ehemaliges Mitglied der SS-Einsatzgruppen führt er durch zentrale Schauplätze des Zweiten Weltkriegs. Der Roman schildert Judenverfolgungen und Massenerschießungen in Polen und der Ukraine, Einsätze im Kaukasus und auf der Krim sowie den Einschluss der 6. Armee in Stalingrad mit Hunger, Gewalt und Zusammenbruch. Später wird Aue weiter in die Hierarchie der SS eingebunden, was ihn unter anderem nach Auschwitz führt. Schließlich erlebt er das Kriegsende in Berlin und flieht.

Er begegnet realen Personen der NS-Zeit wie Heinrich Himmler, Adolf Eichmann und Albert Speer. Gleichzeitig lernt man Aue selbst als vielschichtige, widersprüchliche Figur sowie seine familiären Konflikte und Tragödien kennen.

Der Titel „Die Wohlgesinnten“ hat eine zentrale Bedeutung. In der antiken Überlieferung sind die Erinnyen Rachegöttinnen, die Verbrechen innerhalb der Familie verfolgen. In literarisch umgedeuteter Form werden sie zu den Eumeniden, den „Wohlgesinnten“. Der Titel verweist so auf Aues Schuldgeschichte – Erinnerung und Schuld, denen Aue am Ende nicht entkommt.

Die Struktur des Romans ist ebenfalls wichtig. Er ist nach den Sätzen einer barocken Tanzsuite gegliedert. Diese musikalische Ordnung ist ein starker Gegensatz zur moralischen Zerrüttung des Inhalts. Während im Roman Mord, Zerstörung und Verrohung herrschen, schafft die Tanzsuite Form und Rhythmus. Der Kontrast spiegelt ein äußerlich geordnetes System, das innerlich vollkommen verdorben ist. Die Innenperspektive zwingt den Leser, der Logik des Täters ohne sicheren Abstand zu folgen. Man liest nicht über das System, sondern aus ihm heraus. So zeigt der Roman nicht nur historische Ereignisse, sondern vor allem, wie Gewalt, Bürokratie und ideologische Verblendung ein ganzes System prägen.

Aue berichtet einerseits nüchtern und reflektiert, andererseits benutzt er eine grobe, fäkale Sprache. So wird die moralische und körperliche Verrohung der dargestellten Welt deutlich erfahrbar. Nichts wird geglättet oder beschönigt. Der Roman zeigt damit keine abstrakte Geschichte, sondern eine konkrete, körperliche und entmenschlichte Realität.

„Die Wohlgesinnten“ ist ein großer, anspruchsvoller und lesenswerter Roman. Die Verbindung von historischer Genauigkeit, außergewöhnlicher Täterperspektive, kunstvoller Form und radikaler Sprache macht das Werk so eindringlich.

Der Leser erhält nicht nur eine intensive Darstellung des Krieges, sondern auch eine tiefgehende Auseinandersetzung mit Schuld, Macht und menschlicher Verantwortung. Der Roman zeigt eindrucksvoll, wie Menschen in Machtstrukturen zu Tätern werden können — ohne dabei jemals einen Täterkult zu verherrlichen.

Oliver König

Jonathan Littell „Die Wohlgesinnten“. Berlin Verlag, ca. 1.400 Seiten, 24 Euro (TB)

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