
Sophokles’ Antigone gehört zum thebanischen Sagenkreis (Ödipus, Sieben gegen Theben, Antigone).
Ödipus wird als Kind vorausgesagt, dass er irgendwann seinen Vater erschlagen und seine Mutter heiraten wird. Um dies zu verhindern, wird er ausgesetzt, überlebt und gerät auf dem Weg nach Theben in einen Streit mit einem Fremden (seinen Vater). Er erschlägt ihn, beseitigt eine Gefahr für Theben; indem er das Rätsel der Sphinx löst, erhält dadurch die Königswürde und heiratet die Königin Iokaste, seine Mutter. Als die Familienzugehörigkeit offenbar wird, tötet sich Iokaste. Ödipus blendet sich selbst und wird aus Theben verbannt. Seine vier Kinder – Eteokles, Polyneikes, Antigone und Ismene – begleiten ihn.
Nach einiger Zeit teilen sich die zwei Brüder Eteokles und Polyneikes die Macht über Theben. Es kommt zum Streit, weil Eteokles die Macht nicht turnusgemäß übergeben will. Polyneikes greift seinen Bruder und seine eigene Stadt an, beide Brüder töten sich gegenseitig im Bruderkrieg.
Hier setzt nun “Antigone” an: Nach dem Bürgerkrieg übernimmt Kreon, der Onkel der Geschwister, die Herrschaft. Um die staatliche Ordnung wiederherzustellen, erlässt er ein striktes Edikt: Eteokles soll ehrenvoll bestattet werden, Polyneikes als Verräter hingegen bleibt unbestattet und wird den Tieren überlassen. Antigone widersetzt sich diesem Befehl. Sie beruft sich auf ein höheres, göttliches Recht und auf ihre Pflicht gegenüber dem Bruder. Sie vollzieht die Bestattung gegen das staatliche Verbot.
In einer Zeit, in die Demokratie entsteht, wird ein Konflikt offenbar: staatliche Ordnung gegen individuelle Gewissensentscheidung und familiäre Bindung. Kreon handelt nicht willkürlich, sondern aus seiner Perspektive im Interesse des Gemeinwesens und der politischen Stabilität. Antigone hingegen folgt einer übergeordneten Norm, die sie über das menschliche Gesetz stellt. Beide Positionen sind in sich nachvollziehbar und schlüssig – aber ihre Unvereinbarkeit führt in die Katastrophe.
Sophokles behandelt eine grundlegende politische und ethische Frage: Woraus bezieht Recht seine Legitimität, wenn Gesetz, Tradition und Gewissen miteinander kollidieren? Beide Seiten berufen sich auf die Götter, doch deren Wille ist für den Menschen letztlich eine Interpretation. Die Entscheidung darüber, was gerecht ist, kann daher nicht eindeutig aus einer höheren Autorität abgeleitet werden. Hieraus folgt der prägende Gedanke, dass der Mensch als frei entscheidendes und verantwortliches Wesen handelt. Handlungen sind nicht länger bloßes Ergebnis göttlicher Lenkung, sondern Ausdruck menschlicher Entscheidungskraft. Mit dieser Freiheit geht jedoch die Pflicht einher, die Konsequenzen des eigenen Handelns zu tragen.
Der Konflikt zwischen staatlicher Macht, individueller Freiheit und persönlicher Verantwortung bleibt bis heute aktuell.
Oliver König
Sopokles‘ „Antigonie“ ist in zahlreichen Ausgaben und Übertragungen erhältlich.