SELBSTERKENNTNIS ODER VERDRÄNGUNG ALS LEBENSFORM? ZUGÄNGE ZU KAFKAS „Proceß“
Vortrag von Prof. Dr. Monika Schmitz-Emans
Marcus Cyron | Wikimedia CommonsWas geschieht mit Josef K.? Wird er zum Opfer eines undurchschaubaren Systems – oder hat der rätselhafte „Prozess“, der an seinem dreißigsten Geburtstag beginnt, ebenso viel mit ihm selbst zu tun wie mit äußeren Mächten?
Franz Kafkas Proceß gehört zu den großen und bis heute verstörenden Romanen der Weltliteratur. Je entschlossener Josef K. den Leserinnen und Lesern – und sich selbst – suggeriert, den Dingen auf den Grund zu gehen, seine Lage verstehen zu wollen, desto undurchsichtiger wird sie. So zupackend er auch kombiniert und argumentiert, so fieberhaft er auch Regeln und Zuständigkeiten reflektiert, gerät er doch immer tiefer in eine Welt, die sich den eingeübten Ordnungsversuchen entzieht. Doch K. ist keineswegs nur das unschuldige Opfer fremder Gewalt. Seine Orientierungskrise hat auch mit seiner eigenen Lebensweise zu tun: mit Ehrgeiz und Statusdenken, mit Bindungslosigkeit, Selbsttäuschung und der Weigerung, entscheidende Fragen an sich selbst zu richten.
Monika Schmitz-Emans geht in ihrem Vortrag den verschiedenen Bedeutungsschichten des Romans nach. Das geheimnisvolle Gericht erscheint dabei zugleich als gesellschaftliche Macht und als Bild innerer Vorgänge. Dabei wird jedoch die gesamte erzählte Welt in radikaler Weise bedeutungstragend: Räume, Bilder und Sprachformen; Gerichtskanzleien und Fenster, Titorellis Gemälde, der dunkle Dom und der Steinbruch, in dem K.s Weg endet, aber auch die stilistische Schärfe, mit der Josef K. Schlussfolgerungen zu ziehen pflegt…

Besondere Aufmerksamkeit gilt der berühmten Parabel „Vor dem Gesetz“, in der sich zentrale Fragen des Romans bündeln: nach Autorität, Erkenntnis und Deutung, aber auch nach dem eigenen Weg des Menschen. Gerade hier zeigt sich Kafkas Vieldeutigkeit besonders eindringlich: Der Text entzieht sich einfachen Lösungen und fordert immer wieder zu neuen Deutungen heraus. So wird der Proceß auch zu einer Geschichte über Selbsterkenntnis und die Möglichkeit eines anderen Lebens.
Prof. Dr. Monika Schmitz-Emans lehrte von 1995 bis 2023 Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft an der Ruhr-Universität Bochum. Ihr umfangreiches wissenschaftliches Werk gilt vor allem der Literatur der Romantik und der Moderne. Besondere Aufmerksamkeit widmete sie dabei dem Zusammenspiel von Literatur und bildender Kunst, der Buchkunst und anderen Formen der Intermedialität. Mit zahlreichen Arbeiten zu Jean Paul, E.T.A. Hoffmann und Franz Kafka hat sie grundlegende Beiträge zur Erforschung dieser Autoren geleistet.
In Kooperation mit der Goethe-Gesellschaft Kassel e. V.