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 fabian-finkendey/
SUMMARY:"Das Tragische im rechten großen Sinn": Theodor Storms Schimmelrei
 terVortrag von Prof. Dr. Tilmann Köppe und Fabian Finkendey
DESCRIPTION:\n1. Storm und Goethe\n\n\n\nEine der vielen ‚emotional kompl
 exen‘ Liebesbeziehungen in Storms Werk – die zwischen Paul Paulsen und
  Lisei Tendler in Pole Poppenspäler – entwickelt sich im Backstage-Bere
 ich eines Puppentheaters\, wenige Stunden bevor „Doktor Fausts Höllenfa
 hrt“ gegeben werden soll. (Dank an Prof. Jürgen Schulz-Grobert für die
 sen Hinweis).\n\n\n\n\n\n\n\nPole Poppenspäler steht in motivgeschichtlic
 her Verbindung mit Wilhelm Meister sowie mit Dichtung und Wahrheit. Gleich
  im ersten Buch seiner Autobiographie schildert Goethe den Eindruck\, den 
 ein Puppentheater auf ihn machte\, das ihm 1753 seine Großmutter zu Weihn
 achten schenkte.\n\n\n\nAber eine motivgeschichtliche Verbindung läuft na
 türlich auch vom Schimmelreiter selbst zu Goethes Werk – namentlich zum
  zweiten Faust. An dieser Stelle ist der – oft verspottete – Eckermann
  zu würdigen Dabei sei zunächst auf einen sehr kundigen\, feinfühligen\
 , unbedingt lesenswerten Essay zu Eckermann von Dr. Egon Freitag verwiesen
 \, dessen Kerngedanken dem Folgenden zugrunde liegen. Goethe selbst hat Ec
 kermann wesentliche Anteile daran zugeschrieben\, dass er seinen Faust II 
 zum Abschluss brachte. Der Impuls zu Fausts ‚Landgewinnungsprojekt‘ im
  fünften Akt lag in der Sturmflut an der Nordseeküste vom 3. auf den 4. 
 Februar 1825 bzw. in dem Bericht\, den Eckermann Goethe darüber abstattet
 e. Denn Goethe selbst war nie an der Nordsee gewesen\, hatte Ebbe und Flut
  nie erlebt.\n\n\n\nBei dem gewaltigen Sturm im Februar 1825 – Goethe ve
 rfolgte das Geschehen in den Zeitungen – entstand eine ungeheure Springf
 lut. Deiche und Dämme konnten der Sturmflut nicht standhalten\, ein gewal
 tiger Schaden wurde angerichtet. Auf einer Fläche von knapp 300 Quadratki
 lometern wurde Trinkwasser verdorben\, Häuser wurden weggeschwemmt\, Vieh
 bestände vernichtet. Eckermann reiste vom 17. bis zum 23. Juni 1826 in da
 s Überschwemmungsgebiet. Die Zerstörungen der Sturmflut\, das Ausmaß de
 r Katastrophe waren noch sichtbar. Unter dem Eindruck dieses Berichts schr
 ieb Goethe die entsprechenden Abschnitte des Faust II. Aber schon nach ers
 ten Meldungen von der Katastrophe hatte er im Versuch einer Witterungslehr
 e (1825) notiert:\n\n\n\n„Es ist offenbar daß das was wir Elemente nenn
 en seinen eigenen wilden wüsten Gang zu nehmen immerhin den Trieb hat. In
 sofern sich nun der Mensch den Besitz der Erde ergriffen und ihn zu erhalt
 en Pflicht hat\, muß er sich zum Widerstand bereiten und wachsam erhalten
 . […] Die Elemente daher sind als kolossale Gegner zu betrachten\, mit d
 enen wir ewig zu kämpfen haben und sie nur die höchste Kraft des Geistes
 \, durch Mut und List\, im einzelnen Fall bewältigen. […] [U]nruhig mö
 chte das Wasser die Erde die es ungern verließ wieder in seinen Abgrund r
 eißen.“ (MA\, 13.2\, S. 297f.)\n\n\n\nPROF. DR. TILMANN KÖPPE\, studie
 rte von 1997 bis 2004 Germanistik\, evangelische Theologie\, Philosophie u
 nd Ästhetik in Göttingen und Southampton\; 2007 Philosophische Doktorpr
 üfung\, Universität Göttingen: Literatur und Erkenntnis. Studien zur ko
 gnitiven Signifikanz fiktionaler literarischer Werke). Von 2004 bis 2007 w
 ar er Lehrbeauftragter am Seminar für Deutsche Philologie der Universitä
 t Göttingen und Mitarbeiter der dortigen Arbeitsstelle für Theorie der L
 iteratur. Von 2009 bis 2016 Mitarbeit in Forschungszentren in Freiburg und
  Göttingen. Seit 2017 Professur am Seminar für Deutsche Philologie der U
 niversität Göttingen. Veröffentlicht hat er u.a. zur Fiktions- und Erz
 ähltheorie\, zur philosophischen Ästhetik.\n\n\n\nFABIAN FINKENDEY\, stu
 dierte von 2013 bis 2019 Neuere Deutsche Literaturgeschichte und Philosoph
 ie an der Georg-August-Universität. Er forscht als Mitarbeiter der Arbeit
 sstelle für Theorie der Literatur (Universität Göttingen) zur ästhetis
 chen Wertschätzung der Literatur.\n\n\n\nII. Glück\, Tragik\, Tod\, Sinn
 \n\n\n\nUnter dem suggestiven Titel Glück\, Tragik\, Tod\, Sinn: Vier lit
 erarische Entwürfe\, erschienen bei Wallstein 2023\, haben Prof. Dr. Tilm
 ann Köppe und Fabian Finkendey ein&nbsp\; überaus bemerkenswertes Stück
  ‚Literaturkritik‘ vorgelegt.\n\n\n\n\n\n\n\nVier Erzähltexte werden 
 in den Blick genommen: Johann Peter Hebels Kannitverstan (Glück)\, Storms
  Der Schimmelreiter (Tragik)\, Tolstois Der Tod des Iwan Iljitsch (Tod) un
 d Kazuo Ishiguros Was vom Tage übrig blieb (Sinn). In vier gedanklich fei
 nzügigen\, literaturtheoretisch reflektierten Lektüren wird dabei die Vi
 eldeutigkeit der Texte – oft gegen die Laufrichtung etablierter Erwartun
 gshaltungen – als ästhetischer Wert und ethischer Gehalt bewusst gemach
 t.\n\n\n\n&nbsp\;Glück\, Tragik\, Tod\, Sinn ist nicht zuletzt eine Einf
 ührung in das Lesen\, verstanden als&nbsp\; ein aktiver\, spielerischer\,
  erkenntnisstiftender\, und ‚ironisch-irenischer‘ Prozess\, der hinter
  das Tönen vordergründiger&nbsp\; Moralbekundungen zur Wahrnehmung und W
 ürdigung des in der Gegenwart Lebendigen führt.\n\n\n\n‚Ironisch-ireni
 sch‘: Eine (freilich subtile) Ironie richtet sich gegen&nbsp\; allzu sch
 warz-weiße Deutungen. Friedliebend\, friedfertig aber wird mit den oft ge
 plagten Protagonisten&nbsp\; umgegangen – die jeweils auf ihre Weise Rep
 räsentanten aller Menschen sein können. Das gilt auch für Theodor Storm
 s Hauke Haien.\n\n\n\nIII. Theodor Storm: Der Schimmelreiter (1888)\n\n\n\
 nDenn über Hauke\, den schlanken\, hochgewachsenen Friesen\, brechen im G
 efolge der – in der Rezeption zudem oft abgeschliffenen – Tragödienth
 eorie des Aristoteles Anschuldigungen und Verurteilungen herein wie eine S
 turmflut. Technischer Machbarkeitswahn\, Hochmut\, ein narzisstisches Aner
 kennungsbedürfnis – you name it. Alle möglichen Laster werden Hauke Ha
 ien rasch attestiert. Immerhin wird ihm\, zugleich mit diesen negativen Zu
 schreibungen\, die ‚Würde‘ des tragischen Helden zuteil\, an sich sel
 bst zugrunde gegangen zu sein. –&nbsp\;\n\n\n\nEs geht also um den Begri
 ff der Hamartia\, bei Aristoteles das Fehlverhalten des tragischen Helden\
 , das die Katastrophe herbeiführt. Zwar versteht Aristoteles den Begriff 
 nicht in einem neuzeitlich-moralischen Sinn\; die Verantwortung des Helden
  ist gleichwohl gegeben. Sie liegt in ungenügender Reflexion und der Übe
 rschätzung der eigenen Möglichkeiten.\n\n\n\n„Schnell fertig ist die J
 ugend mit dem Wort“ … – und Leserinnen und Leser\, jung und alt\, mi
 t dem Text. (Der Verfasser schließt sich in diese kritische Selbstreflexi
 on selbstredend ein.) – &nbsp\;–&nbsp\; Storm\, der große Menschenken
 ner aus Husum\, zudem literaturhistorisch und -theoretisch versiert \, wus
 ste es besser. Zur Tragödie bzw. zum ‚tragischen Fehler‘ äußerst er
  sich wie folgt (Zitat bei Köppe und Finkendey):„Für die Tragik\, beso
 nders in der epischen Poesie\, eine eigne Schuld der betreffenden Person z
 u fordern\, beruht auf einer zu engen und […] etwas philisterhaften Auff
 assung des Tragischen\; der vergebliche Kampf gegen das\, was durch die Sc
 huld oder auch nur die Begrenzung\, die Unzulänglichkeit des Ganzen der M
 enschheit\, von der der Einzelne nur ein unablösbarer Theil ist\, der bet
 reffenden Person entgegensteht\, und der dadurch herbeigeführte Untergang
 \, sei es der Person selbst\, oder ihres eigentlichen Lebensinhaltes\, das
  ist nach meiner Ueberzeugung das Tragische im rechten großen Sinn\; […
 .] der Untergang nur wegen eigner Schuld ist schon mehr eine pädagogische
 \, polizeiliche oder criminelle Bestrafung.“ (Storm in einem Brief an He
 inrich Schleiden\, 9. 11. 1881)\n\n\n\nSeien Sie gespannt\, wie Prof. Tilm
 ann Köppe und Fabian Finkendey Storms Tragödientheorie in nuce in ihre v
 erschiedenen gedanklichen Schritte ‚zerlegen‘\, diese abwägen\, durch
 denken\, um auf dieser Grundlage dann Fragen an den Schimmelreiter formuli
 eren\, wie z.B.:&nbsp\;\n\n\n\n\nMit welchen antagonistischen Kräften sie
 ht Hauke Haien sich konfrontiert?\n\n\n\nIn welchem Verhältnis stehen im 
 Schimmelreiter kausale (Mit)Verantwortlichkeit und moralischer Verantwortl
 ichkeit?\n\n\n\nWarum geht den Leserinnen und Lesern Haukes Schicksal so n
 ahe?\n\n\n\nGibt es tragische Handlungsstrukturen? Falls ja: Worin bestehe
 n sie?\n\n\n\nGibt es ein spezifisch ‚tragisches‘ Gefühl? Unter welch
 en Umständen stellt es sich ein?\n\n\n\nGibt es Dinge\, in Bezug auf die 
 ein Mensch gar nicht anders kann\, als sie zu wollen? Gibt es eine Form de
 s Wollens\, die ‚persönlichkeitskonstitutiv‘ ist? – „Das Wollen [
 …] ist der Gott der neuern Zeit“\, schreibt Goethe schon 1815 in Shake
 speare und kein Ende…\n\n\n\n\nLassen Sie sich die Möglichkeit nicht en
 tgehen\, einem großen Text\, der manchem vielleicht aus der eigenen Schul
 zeit noch in Erinnerung ist\, in einem neuen Kontext wiederzubegegnen. Zur
  Vorbereitung empfiehlt sich die Lesung von Gert Westphal\; gewiss auch ei
 n Mensch\, der etwas\, in seinem Falle Vorlesen\, ‚notwendig wollte‘ 
 – freilich mit glücklichem Ausgang. &nbsp\;\n\n\n\nSie sind herzlich wi
 llkommen!\n
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