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	<title>Kassel liest &#8211; Literaturhaus Kassel</title>
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	<title>Kassel liest &#8211; Literaturhaus Kassel</title>
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		<title>Moderner Abenteuerroman</title>
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		<dc:creator><![CDATA[gebhardt]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 28 Apr 2025 14:40:41 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kassel liest]]></category>
		<category><![CDATA[März-Verlag]]></category>
		<category><![CDATA[Märzverlag]]></category>
		<category><![CDATA[Monsieur Poubelle oder der Mülleimer der Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Pieter Waterdrinker]]></category>
		<category><![CDATA[Roman]]></category>
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					<description><![CDATA[Durchs wilde Europa: Pieter Waterdrinkers Roman „Monsieur Poubelle oder der Mülleimer der Geschichte“. Zu meinen herausragenden Lektüren dieses Frühjahrs zählt Pieter Waterdrinkers „Monsieur Poubelle oder der Mülleimer der Geschichte“. Der [&#8230;]]]></description>
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<p class="wp-block-paragraph"><strong>Durchs wilde Europa: Pieter Waterdrinkers Roman „Monsieur Poubelle oder der Mülleimer der Geschichte“</strong>.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zu meinen herausragenden Lektüren dieses Frühjahrs zählt Pieter Waterdrinkers „Monsieur Poubelle oder der Mülleimer der Geschichte“. Der Autor ist hierzulande leider eher unbekannt. Nach „Tschaikowskystraße 40“ (auch sehr lesenswert) ist dies der zweite auf Deutsch erschienene Roman des Holländers. In Holland kam „Monsieur Poubelle“ 2016 heraus, also zwei Jahre nach der Annexion der Krim und sechs Jahre vor dem russischen Überfall auf die Ukraine. Waterdrinker – das sei vorausgeschickt – studierte russische Sprache und Literatur in Amsterdam, lebte von 1996 bis 2020 in St. Petersburg und berichtete aus Russland und der Ukraine für verschiedene niederländische Tageszeitungen.<br><br>Waterdrinker erzählt die haarsträubende Geschichte des Möchtegernschriftstellers Wessel Stols, der in Südfrankreich an seinem Romanprojekt „Biarritz“ kläglich scheitert und dann einen „Nonfiction-Roman“ über Eugène René Poubelle, den Erfinder des Mülleimers, schreiben will, der (natürlich) auch nicht gelingt. Es verschlägt ihn nach Moskau und von dort in die russische Provinz. Er verzockt sein Vermögen in der Dotcom-Blase, erfindet sich neu als Händler von Sowjetkunst, wird Abgeordneter des Europaparlaments und erlebt auf dem Maidan die orangene Revolution. Weitere Stationen: Paris, Brüssel, Amsterdam, Griechenland, die Krim, der Donbass, wo er auf bizarre Weise seinem Poubelle näher kommt als ihm lieb ist.<br><br>Zwielichte Gestalten bevölkern den Roman: schleimig-korrupte EU-Parlamentarier, russische Nutten, amerikanische Journalistinnen, kriminelle Banden und Warlords. Nicht zu vergessen seine große Liebe Friedl, die er sträflich vernachlässigt, bis sie ihn enttäuscht verlässt.<br>In Zeiten, wo der deutsche Dorfroman mit seinen kleinen Räumlichkeiten und verengten Blickwinkeln auf Privates Hochkonjunktur zu haben scheint, wirkt das Buch wie ein Rachenputzer mit Horizonterweiterung. Man merkt, dass Waterdrinker in Russland viel gesehen und erlebt hat. Er weiß, wovon er schreibt und breitet es fantasievoll aus. Im Grunde ist „Monsieur Poubelle“ ein moderner Abenteuerroman. Schnell, direkt, schnörkellos erzählt, voller Sex &amp; Crime und mit überraschenden Wendungen, dazu politisch und historisch aufschlussreich, spannend und auch noch überaus witzig. Eine schöne literarische Entdeckung!<br><br>Andreas Gebhardt</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Pieter Waterdrinker: „Monsieur Poubelle oder der Mülleimer der Geschichte“. März-Verlag 2024, 553 Seiten, 28 Euro.</strong></p>
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		<title>Zwischen allen Stühlen</title>
		<link>https://literaturhauskassel.de/zwischen-allen-stuehlen/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[gebhardt]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 20 Jan 2025 15:14:37 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kassel liest]]></category>
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					<description><![CDATA[Die weibliche Seite der Stasi: Clemens Böckmanns Roman über "IM Anna".]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p class="Formatvorlage1"><img decoding="async" class=" wp-image-12292 alignleft" src="https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2025/01/IMG_20250110_135545944.jpg" alt="" width="469" height="525" srcset="https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2025/01/IMG_20250110_135545944.jpg 800w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2025/01/IMG_20250110_135545944-480x538.jpg 480w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2025/01/IMG_20250110_135545944-200x224.jpg 200w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2025/01/IMG_20250110_135545944-768x860.jpg 768w" sizes="(max-width: 469px) 100vw, 469px" />Stasi – wer denkt da nicht an „Das Leben der Anderen“, also an grimmig dreinschauende graue Männer in grauen Mänteln oder Windjacken? Die Staatssicherheit war grau, trostlos, abgrundtief böse und durch und durch männlich. Von den rund 173.000 „Informellen Mitarbeitern“ (1988/89) waren 10 bis 15 Prozent Frauen, wobei diese nur selten an der vordersten Front eingesetzt wurden und kaum mit dem Machtapparat assoziiert werden.</p>
<p class="Formatvorlage1">Nun wirft Clemens Böckmann in seinem starken Debüt „Was du kriegen kannst“ beispielhaft ein Schlaglicht auf die weibliche Seite der Stasi, auf IM „Anna“, im Zivilleben Uta. Die attraktive, alleinstehende junge Frau und Mutter einer Tochter wird 1971 von dem Geheimdienst angeworben und auf Geschäftsmänner aus dem Westen angesetzt, die die Leipziger Messe besuchen. Man freundet sich an, tauscht sich aus, feiert, trinkt, geht ins Bett. Das Leben konnte &#8211; unter gewissen Umständen &#8211; auch in der DDR bunt sein. IM „Anna“ fertigt Berichte an, ist Stasi-Frau und Sexarbeiterin zugleich, genießt das Leben in vollen Zügen, findet Anerkennung, wird mit Devisen, Schmuck und teuren Kleidern reich beschenkt. Sie nimmt alles, was sie kriegen kann, was in einem Staat, in dem es wenig gibt, sehr viel ist. Allmählich gerät ihr Privatleben aus den Fugen, der Alkohol gibt ihr den Rest. Da sie keinen untadeligen Lebenswandel im Sinne des Sozialismus führt und irgendwann aufhören will, wird sie von der Stasi selbst ins Visier genommen. Der so verlogene wie paranoide Überwachungsapparat, war unerbittlich, zeigte Zähne, fraß manche seiner Kinder und spuckte sie als seelische Wracks wieder aus.</p>
<p class="Formatvorlage1">Sehr klug montiert Böckmann all das zu einer multiperspektivischen Collage, in der sich Stimmen und Ebenen bisweilen zu vermischen scheinen. So erzählt Uta ihre Geschichte im Rückblick auf ihr Leben ebenso wie der Ich-Erzähler, der Uta in der Gegenwart trifft, sie befragt und mit ihr frühere Schauplätze aufsucht. Eine neutrale Instanz fügt Historisches und Biografisches distanziert hinzu. Zuletzt wird noch aus den sperrigen, teilweise geschwärzten Stasi-Akten zitiert. Welcher Sichtweise ist zu trauen?</p>
<p class="Formatvorlage1">Roman oder doch eher Doku-Fiction? Das scheint nebensächlich. Jedenfalls ist Böckmann das aufwühlende Porträt einer Frau gelungen, die erst Täterin war und schließlich Opfer wurde. „Was du kriegen kannst“ ist eine ebenso anspruchsvolle wie erhellende Lektüre, die eine weitere Facette der DDR-Diktatur aufzeigt. Ob Böckmanns Debüt für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert wird? &#8222;Was du kriegen kannst&#8220; hätte es verdient.<br /><em>Andreas Gebhardt</em></p>
<p class="Formatvorlage1"><strong>Clemens Böckmann: „Was du kriegen kannst“. Hanser-Verlag 2024, 413 Seiten, 24 Euro.</strong></p>


<p class="wp-block-paragraph"></p>
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		<title>Lob des Landlebens</title>
		<link>https://literaturhauskassel.de/lob-des-landlebens/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[gebhardt]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 24 Jul 2024 13:42:27 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kassel liest]]></category>
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					<description><![CDATA[Ein wilder Ritt: Mathias Enards Roman „Das Jahresbankett der Totengräber“.]]></description>
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<p class="Formatvorlage1"><img decoding="async" class="alignleft size-medium wp-image-11761" src="https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2024/07/ENARD-scaled-e1721828335683-480x573.jpg" alt="" width="480" height="573" srcset="https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2024/07/ENARD-scaled-e1721828335683-480x573.jpg 480w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2024/07/ENARD-scaled-e1721828335683-980x1169.jpg 980w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2024/07/ENARD-scaled-e1721828335683-200x239.jpg 200w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2024/07/ENARD-scaled-e1721828335683-768x916.jpg 768w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2024/07/ENARD-scaled-e1721828335683-1288x1536.jpg 1288w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2024/07/ENARD-scaled-e1721828335683-1717x2048.jpg 1717w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2024/07/ENARD-scaled-e1721828335683.jpg 1809w" sizes="(max-width: 480px) 100vw, 480px" /></p>
<p class="Formatvorlage1"><strong>Ein wilder Ritt: Mathias Enards Roman „Das Jahresbankett der Totengräber“.</strong></p>
<p class="Formatvorlage1">Ein Anthropologe entdeckt die Provinz. Mit diesem schnöden Satz ließe sich Mathias Enards Roman „Das Jahresbankett der Totengräber“ schnöde zusammenfassen. Aber was für ein Reichtum, welch opulent-barocke Lust am Erzählen und fabulieren steckt dahinter. „Ich habe beschlossen, diesen Ort <i>Das Wilde Denken</i> zu nennen, was sonst?“ So geht’s los und nichts anderes ist dieses Buch, ein einziger wilder Ritt, durch Raum, Zeit, Landschaft, Natur, Literatur, Geschichte, Kochkunst, Musik und – nicht zuletzt – kleinen sexuellen Abschweifungen.</p>
<p class="Formatvorlage1">Komische Typen begegnen dem jungen Pariser Forscher David Mazon im Marais Poitevin, einem Landstrich, der sich nordöstlich von La Rochelle bis nach Niort erstreckt. Er will seine Doktorarbeit über das Leben in der Provinz schreiben, führt Interviews mit den exotischen Dörflern, denen er zunächst mit einer Mischung aus großstätischer Überheblichkeit, Ironie und distanziertem Staunen begegnet. Er sammelt, beobachtet, lässt sich immer mehr ein auf diese ihm bis dahin verschlossene Welt. Zunehmend scheint ihm sein Ziel zu entgleiten. Er schreibt keine wissenschaftliche Abhandlung, das wäre zu langweilig, sondern notiert seine treffenden Beobachtungen und Notizen zunächst im Tagebuch. Dieses rahmt den sehr langen Mittelteil, in denen die weit verzweigten Geschichten der anfangs skizzierten Figuren erzählt werden, die durch Seelenwanderung mit der Geschichte der Region, mit Zukunft, Gegenwart und Vergangenheit untrennbar verwoben sind, „denn das Schicksal, wo alles miteinander verbunden ist (…) kennt keine Zeit“. Seelenwanderung? Jawohl. Und so gibt es überhaupt keinen Zweifel daran, dass etwa der Abbé Largeau nach seinem Ableben als Wildschwein wiedergeboren wird, denn hier kann er endlich die Sau rauslassen, wonach er sich in seinem vorigen Leben so lange gesehnt hat.</p>
<p class="Formatvorlage1">Mit diesem überwältigend schlüssigen Kunstgriff setzt Enard, der 1972 in Niort, also am östlichen Rand des Marais Poitevin, geboren wurde, seiner Heimat ein monumentales Denkmal. Das Wilde Denken wirft Erzählkonventionen witzig über den Haufen, indem es mit Fantasie gepaarte präzise Schilderung von Land und Leuten zum alleinigen Maßstab des Erzählens macht. Im Mittepunkt, das sei noch erwähnt, steht das titelgebende ausschweifende Jahresbankett der Totengräber, eine einzige überbordende Fress- und Sauforgie, in der die Grableger wortgewandt, streitend, lustvoll und voller Gelächter dem Leben huldigen. Wie es auch Enard mit diesem umwerfenden Buch tut, das höchstes Lesevergnügen garantiert.<br />Andreas Gebhardt</p>
<p class="Formatvorlage1"><strong>Mathias Enard: das Jahresbankett der Totengräber. 480 Seiten, Hanser Berlin 2021 (geb. 26 €), Piper 2022 (TB, 15 €).</strong></p>
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			</item>
		<item>
		<title>Demokratie der Zuneigung</title>
		<link>https://literaturhauskassel.de/demokratie-der-zuneigung/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[gebhardt]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 24 Apr 2024 15:09:45 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kassel liest]]></category>
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					<description><![CDATA[Roswitha Rüschendorf empfiehlt: "Die zerrissene Gesellschaft. So überwinden wir gesellschaftliche Spaltung im neuen Krisenzeitalter" von Claudine Nierth und Roman Huber. ]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p><img loading="lazy" decoding="async" class="alignleft  wp-image-11596" src="https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2024/04/Rueschendorf-Zerrissene-Gesellschaft-480x640.jpg" alt="" width="400" height="533" srcset="https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2024/04/Rueschendorf-Zerrissene-Gesellschaft-scaled-480x640.jpg 480w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2024/04/Rueschendorf-Zerrissene-Gesellschaft-980x1307.jpg 980w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2024/04/Rueschendorf-Zerrissene-Gesellschaft-200x267.jpg 200w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2024/04/Rueschendorf-Zerrissene-Gesellschaft-768x1024.jpg 768w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2024/04/Rueschendorf-Zerrissene-Gesellschaft-1152x1536.jpg 1152w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2024/04/Rueschendorf-Zerrissene-Gesellschaft-1536x2048.jpg 1536w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2024/04/Rueschendorf-Zerrissene-Gesellschaft-scaled.jpg 1920w" sizes="auto, (max-width: 400px) 100vw, 400px" /><strong>Roswitha Rüschendorf empfiehlt: &#8222;Die zerrissene Gesellschaft&#8220; von Claudine Nierth und Roman Huber.</strong></p>
<p>Angesichts der gegenwärtigen gesellschaftlichen und politischen Krisen haben die beiden „Politaktivisten“ Claudine Nierth und Roman Huber Bilanz ihrer jahrzehntelangen hauptamtlichen Arbeit in der zivilgesellschaftlichen Organisation Mehr Demokratie e. V. gezogen. Ihr Fazit ist ernüchternd: Die politische und gesellschaftliche Unfähigkeit, Krisen und Konflikte nachhaltig zu lösen, ist alltäglich erfahrbar, und die Hindernisse, sie zu überwinden, scheinbar unüberwindbar. Parlamentarische Abläufe und Entscheidungen, aber auch Mitwirkungsangebote und direkte Einflussnahmen der Bürgerinnen und Bürger auf die politischen Entscheidungen, z.B. über Bürgerbegehren und -entscheide, haben die gegenwärtigen Entwicklungen mit beobachtbaren gesellschaftlichen Spaltungen, zunehmendem Rechtspopulismus und Vertrauensverlust in unser Rechts- und Staatssystem nicht verhindern können. Begleitet werden sie von Ohnmachtsgefühlen und Ängsten. <br />Es bedürfe, so die Autoren, erweiterter Ziele, Ansätze und neuartiger Zugänge. Dabei richten sie den Blick auf die Prozesse, die zu politischen, aber auch persönlichen Entscheidungen führen. „Die Qualität einer Entscheidung (hängt) von der Qualität des Prozesses ab, der zur Entscheidung führt“, so deren Grundüberzeugung. Gegenwärtig fänden Entscheidungsprozesse zu wenig (oder sogar keine?) Beachtung. Entsprechend sind sie von mangelnder Qualität. Dass dem so ist, wird als ein strukturell bedingtes und historisch eingeübtes Problem analysiert.</p>
<p>Ihr Appell: „Wir brauchen eine Demokratie der Zuneigung.“, ja, ein „neues Paradigma“. Dafür benötigten Politik und Gesellschaft mehr „soziale Fähigkeiten“ und „mehr Psychologie“ und ein „fühlendes Denken“ in der Gesellschaft und Politik.</p>
<p>Worauf basieren ihre Forderungen und Hoffnungen? Ausgehend von ihren Erfahrungen und zahlreichen Gesprächen bauen sie ihre Argumente auf vier Prämissen auf: <br />1. „Der Mensch (ist) im Grunde gut, willens und in der Lage, sich zu verändern.“ <br />2. „Alle Menschen brauchen eine Grundstabilität.“ <br />3. Wir stecken alle in einem „Labyrinth der Schatten der Vergangenheit“. <br />4. Viele Verhaltensmuster, Probleme, Eigenschaften etc. beruhen auf unbewusste und emotional wirkende „Wunden aus der Vergangenheit“, kurz kollektiver oder persönlicher Traumata, insbesondere „Entwicklungs- bzw. Bindungstraumata“.</p>
<p>Um Schatten und Trauma zu überwinden, plädieren Nierth und Huber für den Erwerb von persönlichen, inneren und gesellschaftlichen „Kulturkompetenzen“, mit denen rationales Denken um emotionale und Traumazuwendung erweitert wird. Dahinter steht die Überzeugung: Der bewusste und professionelle Umgang mit (kollektiven) Traumata wird die Demokratie stärken und die gesellschaftliche Polarisierung überwinden. Ihre Überlegungen beziehen sich auf zahlreiche sozialwissenschaftliche und psychologische Untersuchungs- und Forschungsergebnisse, die sie mit ihren Erfahrungen verbinden. In den letzten drei Kapiteln werden Voraussetzungen, Methoden und Formate vorgestellt, die beim Erwerb der inneren und gesellschaftlichen Kompetenzen hilfreich sind.</p>
<p>Fazit: Der Lösungsansatz der Autoren scheint einfach. Seine Umsetzung beinhaltet jedoch radikale Veränderungen alltäglicher Gewohnheiten und Konventionen. Sie würden letztendlich zu einem Paradigmenwechsel der politischen Diskussionen und parlamentarischen Entscheidungswege sowie des zivilgesellschaftlichen Miteinanders führen. Es liegt ein Buch vor, welches gelesen, beachtet und möglichst interdisziplinär diskutiert werden sollte. Ein „Plädoyer für die Hoffnung und die Perspektive, dass jeder von uns Einfluss auf eine friedlichere, die Umwelt schützende und erhaltende Welt hat.“ Ob der Ansatz mehr als eine Utopie sein kann, kann nur die Praxis erweisen. Angesichts der vielfältigen Probleme wäre es einen Versuch aller wert.</p>
<p><strong>Claudine Nierth/Roman Huber: Die zerrissene Gesellschaft. So überwinden wir gesellschaftliche Spaltung im neuen Krisenzeitalter. Goldmann Verlag München 2023. 271 S., 18 EUR.</strong></p>
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			</item>
		<item>
		<title>Multiple Krisen</title>
		<link>https://literaturhauskassel.de/multiple-krisen/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[gebhardt]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 31 Jan 2024 20:55:03 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kassel liest]]></category>
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					<description><![CDATA[Stefan Lamby: „Ernstfall. Regieren in Zeiten des Krieges“.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p><strong><img loading="lazy" decoding="async" class="alignleft  wp-image-11368" src="https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2024/01/Lamby-480x640.jpg" alt="" width="400" height="534" srcset="https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2024/01/Lamby-scaled-480x640.jpg 480w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2024/01/Lamby-980x1307.jpg 980w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2024/01/Lamby-200x267.jpg 200w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2024/01/Lamby-768x1024.jpg 768w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2024/01/Lamby-1152x1536.jpg 1152w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2024/01/Lamby-1536x2048.jpg 1536w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2024/01/Lamby-scaled.jpg 1920w" sizes="auto, (max-width: 400px) 100vw, 400px" />Stefan Lamby: „Ernstfall. Regieren in Zeiten des Krieges“.</strong></p>
<p>Politik im Trial-and-Error-Modus: Das neue Buch des Journalisten, Autors und Produzenten Stefan Lamby ist eine brillante Lektion in jüngster Zeitgeschichte. Bei der Lektüre wird einem schnell klar: Sie tun einem nicht leid, aber man möchte auch mit keinem tauschen, weder mit Olaf Scholz, noch mit Lindner, Baerbock oder Habeck.</p>
<p>Mit einem Selfie hatte alles angefangen: Außenministerin Annalena Baerbock, Wirtschaftsminister Robert Habeck, Finanzminister Christian Lindner und Verkehrsminister Volker Wissing posteten ein Selfie. Es bedeutete: Wir stehen zusammen, wir sind der Neuanfang, pflegen einen anderen Politikstil, wir verkörpern die Zukunft. Wenige Monate später war der Elan gänzlich verflogen und der Katzenjammer begann, der bis heute anhält. Putins Truppen überrollten die Ukraine – richtig deuten wollte oder konnte die Zeichen keiner &#8211; und plötzlich war alles anders.</p>
<p>Seitdem zerlegt sich die Koalition aus SPD, Grünen und FDP gegenseitig. Ihre Repräsentanten werfen permanent eigene Überzeugungen über Bord, treffen unliebsame, bisweilen einsame Entscheidungen, die nicht nur die eigene Klientel vergraulen, sondern Widerstände auf breiter Front hervorrufen. Energiekriese, Gasnotstand, Gasumlage, Heizungsgesetz. Sollen Atom- und Braunkohlekraftwerke weiterbetrieben werden, sollen LNG-Terminals gebaut werden, wenn ja, muss es schnell gehen, sehr schnell, notfalls in Naturschutzgebieten. Und dann die Frage nach den Waffenlieferungen an die Ukraine: erst vehementes Nein, dann mal sehen, dann immer mehr. Scholz, Habeck, Baerbock im Dauerstress, Krisendiplomatie am Limit, Kratzbuckeleien und zermürbende Verhandlungen mit Despoten in China, Afrika, Indien. Zänkereien, Durchstechereien, persönliche Angriffe, Niederlagen, Zaudern, Zugzwänge, Entscheidungsschwäche, Umfragewerte im Tiefflug, Gefahr von rechts, Klimaaktivisten von links. Multiple Krisen: Krieg, Klimawandel, Hunger in der Welt.</p>
<p>Lamby hat die Akteure über Monate auf Pressereisen rund um die Welt begleitet, viele Interviews geführt und er zeichnet anschaulich das Bild einer Regierung im Dauernotstand: zerstritten, hilflos, resignierend. Es ist kein Debattenbuch, sondern eine chronologische, erstaunlich nüchterne Bestandsaufnahme der inneren Dynamiken einer Koalition, die aneinandergekettet ist, aber auch nicht miteinander kann. Man liest diesen Blick hinter die Kulissen nicht nur mit Gewinn, sondern auch mit Spannung. Parallel dazu hat Lamby die sehenswerte, dreiteilige und gleichnamige Dokumentation gedreht, die weiterhin in der ARD-Mediathek zu finden ist.<br /><br />Andreas Gebhardt</p>
<p><strong>Stefan Lamby: Ernstfall. Regieren in Zeiten des Krieges. Ein Report aus dem Inneren der Macht. Verlag C.H. Beck, 400 S. 26,90 Euro</strong></p>
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			</item>
		<item>
		<title>Wir sind Lars</title>
		<link>https://literaturhauskassel.de/wir-sind-lars/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[gebhardt]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 03 Jan 2024 12:17:14 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kassel liest]]></category>
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					<description><![CDATA[Nele Pollatscheks feinsinniger Roman „Kleine Probleme“ – empfohlen von Andreas Gebhardt. ]]></description>
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<p><strong><img loading="lazy" decoding="async" class="alignleft  wp-image-11318" src="https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2024/01/Pollatschek-480x640.jpg" alt="" width="400" height="533" srcset="https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2024/01/Pollatschek-scaled-480x640.jpg 480w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2024/01/Pollatschek-980x1307.jpg 980w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2024/01/Pollatschek-200x267.jpg 200w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2024/01/Pollatschek-768x1024.jpg 768w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2024/01/Pollatschek-1152x1536.jpg 1152w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2024/01/Pollatschek-1536x2048.jpg 1536w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2024/01/Pollatschek-scaled.jpg 1920w" sizes="auto, (max-width: 400px) 100vw, 400px" />Nele Pollatscheks feinsinniger Roman „Kleine Probleme“ – empfohlen von Andreas Gebhardt. </strong></p>
<p>Nennt mich Lars! Lars ist der Taugenichts des 21. Jahrhunderts. Lars kriegt nichts auf die Reihe, Lars ist der Totalversager, der vieles will und nichts schafft. Zum Beispiel will er das beste Buch der Welt schreiben. Darunter macht er’s nicht und genau deshalb schafft er’s nicht. Auch das Allerkleinste ist ihm zu riesig, zum Beispiel seinen Vater anzurufen oder aufzuräumen. Lars ist Nele Pollatscheks Antiheld in ihrem Roman „Kleine Probleme“.</p>
<p>Es ist der 31. Dezember. In wenigen Stunden kehren Frau und Kind zurück. Beide haben es nicht mehr ausgehalten und sind vor Wochen vor ihm geflüchtet. Ich-Erzähler Lars ist in ein tiefes Loch gefallen und muss sich aus dem Messie-Chaos seiner Wohnung herausgraben und zusehen, dass Gattin und Kind nicht gleich wieder flüchten. Aber wo und wie anfangen? Und mit dem Aufräumen ist es ja nicht getan. Er muss z. B. auch noch ein Bett für seine Tochter zusammenbauen, die Steuererklärung erledigen, die Regenrinne reinigen und einen Nudelsalat bereiten. Er verheddert sich hoffnungslos in allem. Dieses groteske Scheitern an den Dingen und den selbst herbeigeführten Umständen ist urkomisch – aber Lars ist als Totalversager auch ein Ritter von der traurigen Gestalt, der gegen die enormen Windmühlen in seinem Kopf hilflos anrennt. Also zündet er sich zur Entspannung lieber erstmal eine Zigarette an, atmet den Rauch tief ein, und schiebt den Kampf mit der Realität ein weiteres Mal auf. Lars ist ein Konzeptkünstler des Lebens, das meiste scheint er vor allem heroisch in Gedanken zu erledigen.</p>
<p>Pollatschek schildert einen Typen, der in uns allen steckt. Vor dem Schreiben eines Exposees nochmal schnell einen Kaffee kochen, vor dem putzen erstmal die Zeitung lesen – wer kennt das nicht?</p>
<p>Lars schreibt, reflektiert, analysiert, schildert mit erbarmungslosem Hang zur Selbstbeobachtung sein Tun bzw. Nichtstun in allen tragischen Details. Dabei ist ganz nebenbei zwar nicht gleich „das beste Buch der Welt“ entstanden, aber doch ein sehr sehr gutes. Dafür wird Nele Pollatschek in Kassel am 10. März 2024 mit dem Förderpreis Komische Literatur der Stiftung Brückner-Kühner ausgezeichnet. Das ist eine gute Wahl, die keinen Aufschub duldet.</p>
<p><strong>Nele Pollatschek: Kleine Probleme. Galiani Berlin, 200 Seiten, 23 Euro.</strong></p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Dimensionen eines &#8222;kulturellen Bürgerkriegs&#8220;</title>
		<link>https://literaturhauskassel.de/dimensionen-eines-kulturellen-buergerkriegs/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[gebhardt]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 08 Nov 2023 17:16:33 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kassel liest]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://literaturhauskassel.de/?p=11009</guid>

					<description><![CDATA[Daniele Del'Agli über "Der alte weiße Mann" von Norbert Bolz. ]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p><strong>Daniele Dell&#8217;Agli über &#8222;Der alte weiße Mann&#8220; von Norbert Bolz. </strong></p>
<p><img loading="lazy" decoding="async" class="alignleft size-medium wp-image-11011" src="https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2023/11/Bolz-480x640.jpg" alt="" width="480" height="640" srcset="https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2023/11/Bolz-scaled-480x640.jpg 480w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2023/11/Bolz-980x1307.jpg 980w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2023/11/Bolz-200x267.jpg 200w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2023/11/Bolz-768x1024.jpg 768w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2023/11/Bolz-1152x1536.jpg 1152w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2023/11/Bolz-1536x2048.jpg 1536w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2023/11/Bolz-scaled-320x427.jpg 320w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2023/11/Bolz-scaled-214x285.jpg 214w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2023/11/Bolz-scaled-160x213.jpg 160w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2023/11/Bolz-scaled.jpg 1920w" sizes="auto, (max-width: 480px) 100vw, 480px" />Zum 80. Geburtstag von Volker Schlöndorff brachte die Berliner Zeitung ein längeres Interview mit dem weltweit anerkannten deutschen Regisseur. Der Titel: „Es ist nicht angenehm, als alter weißer Mann bezeichnet zu werden.“ Mit diesem Unbehagen steht Schlöndorff nicht allein da. Praktisch jeder Leistungsträger in Kunst und Kultur, Wissenschaft und Politik, der ein bestimmtes Alter und eine gewisse Prominenz erreicht hat und unverkennbar männlichen Geschlechts ist, muss heutzutage damit rechnen, von einer sich als <em>woke</em> gerierenden linken Sekte am virtuellen Pranger der asozialen Medien als „alter weißer Mann“ aufgespießt zu werden. Was das genau bedeutet und wie es dazu kommen konnte, analysiert der bekannte Medienwissenschaftler und Kulturphilosoph Norbert Bolz in seinem jüngsten Buch.</p>
<p>Gleich in der Vorbemerkung lässt der Autor keinen Zweifel daran, dass sein Buch von einem „kulturellen Bürgerkrieg“ handelt und dass dieser starke Begriff alles andere als eine Übertreibung darstellt. Denn eine kleine, lautstarke und gut vernetzte Minderheit hat es geschafft, die zentralen Ideologeme von Wokeness, Cancel Culture und Gendermainstreaming, die von der überwältigenden Mehrheit der Bevölkerung abgelehnt werden, in den Medien, den Bildungsanstalten und weiten Teilen der Politik durchzusetzen. Das von den politisch korrekten Kulturrevolutionären dabei immer wieder bemühte Narrativ ist die Idee eines Sündenbocks, der an allen Übeln dieser Welt, an Naturzerstörung und Klimawandel, Armut und soziale Ungerechtigkeit, Rassismus, Kolonialismus und Sexismus schuld sein soll: der alte weiße Mann. Ihm soll es an den Kragen gehen, er muss weg. Wie diese ebenso wahnhafte wie unterkomplexe Weltsicht mit äußerster Aggressivität alle Domänen des kulturellen Lebens erobern und vergiften konnte, wird im Folgenden von Bolz akribisch rekonstruiert, wobei er sich nicht mit der kritischen Bestandsaufnahme eines Syndroms begnügt, sondern weit ausholend in der jüngeren Geschichte die Genese des heute triumphierenden Unwesens erläutert.</p>
<p>In drei großen Kapiteln untersucht er die Feindbilder der woken Jakobiner: wofür stehen eigentlich „alt“, weiß“ und „männlich“? Die Antwort in Kurzfassung: „Alt steht für Tradition, Erfahrung, Reife, Konservativismus, Bürgerlichkeit und Normalität.“ „Weiß steht für Aufklärung, europäische Rationalität, moderne Technik, rationalen Kapitalismus und den Universalismus der Menschenrechte.“ Und „männlich steht für  Naturbeherrschung, Selbstbehauptung, Heldentum, Freiheitsdrang, Wettkampf, Stolz, Risikobereitschaft, Mut zur Selbständigkeit, Individualität, Exzellenz.“</p>
<p>Mit großer Gelehrsamkeit schlüsselt der Autor diese Begriffe historisch auf, um verständlich zu machen, warum sie ebenso pauschal wie argumentfrei von militanten Zeitgenossen bekämpft werden, denen nicht einmal auffällt, dass sie dabei den Ast absägen, auf dem sie sitzen. Denn nichts mutet absurder an als die von ihnen – mal antirassistisch, mal postkolonial oder radikalfeministisch instrumentierten – Tribunalisierungskampagnen, wenn man bedenkt, dass es just die „alten weißen Männer“, also auch die längst verstorbenen  Philosophen, Wissenschaftler, Künstler und Politiker sind, denen die gegenwärtige Gesellschaft, der krakeelende Mob inbegriffen, alles verdankt, was sie auszeichnet und wofür sie außerhalb Europas und Nordamerikas auf der ganzen Welt bewundert und beneidet wird.</p>
<p>Gelegentlich schießt der Autor bei der Verteidigung der angegriffenen Werte und Institutionen hinaus, wenn er etwa die bürgerliche Familie als Hort der Freiheit und Inbegriff des Nonkonformismus preist oder gar dem Kapitalismus attestiert, sein universalisiertes Profitstreben habe für mehr Gleichheit auf der Welt gesorgt. Diese trotzigen Lobeshymnen bleiben allerdings marginal und schmälern nicht das Verdienst dieses brillant und verständlich geschriebenen Buches, das mit Scharfsinn eine der großen Sozialpathologien unserer Zeit seziert und die bislang fundiertesten Erklärungen ihrer Entstehung liefert.</p>
<p><strong>Norbert Bolz, Der alte weiße Mann. Sündenbock der Nation. Langen Müller Verlag München, 221 Seiten, 24 Euro</strong></p>
<p> </p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Gott ist Ungar</title>
		<link>https://literaturhauskassel.de/gott-ist-ungar/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[verwa]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 15 Apr 2023 08:16:06 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kassel liest]]></category>
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					<description><![CDATA[Andreas Gebhardt empfiehlt „Als Jesus in die Puszta kam“ von Gábor Fónya.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="wp-block-paragraph"><strong><strong>Andreas Gebhardt empfiehlt „Als Jesus in die Puszta kam“ von Gábor Fónyad.</strong></strong></p>



<figure class="wp-block-image alignleft size-medium"><img loading="lazy" decoding="async" width="480" height="640" src="https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2023/04/Fonyad-480x640.jpg" alt="" class="wp-image-10663" srcset="https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2023/04/Fonyad-480x640.jpg 480w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2023/04/Fonyad-980x1306.jpg 980w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2023/04/Fonyad-200x267.jpg 200w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2023/04/Fonyad-768x1024.jpg 768w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2023/04/Fonyad-320x427.jpg 320w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2023/04/Fonyad-214x285.jpg 214w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2023/04/Fonyad.jpg 1000w" sizes="auto, (max-width: 480px) 100vw, 480px" /></figure>



<p class="wp-block-paragraph">Stellen Sie sich vor, Sie seien Jesus. Also nicht der Original-Jesus von damals, sondern quasi dessen Inkarnation im Hier und Jetzt. Kommen einige Typen auf Sie zu und behaupten das, scheinen felsenfest davon überzeugt und legen sogar „Beweise“ vor. Keine Frage, Sie sind verwundert, amüsiert und – natürlich – ungläubig. Aber Ihr Leben ist nun mal gerade etwas langweilig. Und da die Typen Sie zu sich nach Hause – einige 100 Kilometer entfernt – einladen und Ihnen so gleich das Zugticket aushändigen, nehmen Sie an. Aus reiner Neugierde und vielleicht auch, um dem trüben Dasein etwas Pfiff zu verleihen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Diese Geschichte erzählt Gábor Fónyad in seinem amüsanten zweiten Roman „Als Jesus in die Puszta kam“. Fónyad (Jg. 1983), Sohn einer aus Ungarn stammenden Musiker- und Theologenfamilie, lebt in Österreich, hat Germanistik und Finno-Ugristik studiert. Er ist Lehrer in Niederösterreich und unterrichtet an der Wiener Universität. Gott ist in diesem komischen Roman Ungar, Sohn Jesus somit ebenfalls. Die Wiege des Christentums stand – ganz klar &#8211; in der platten Puszta. Die bizarre Sektierer-Truppe, die den Roman-Helden Ludwig Neustätter davon zu überzeugen versucht, der neue Messias zu sein, nennt sich die Urmagyaren. Leider dauert es eine Weile, bis der Ich-Erzähler kapiert, dass er lediglich der nützliche Trottel einer wohlkalkulierten Verschwörung ist. Als er merkt, dass sie ihn für dumm und dämlich verkaufen und er nur eine Marionette ist, da ist es leider schon zu spät und das Unheil nimmt seinen Lauf.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Fónyads Roman erschien im Corona-Jahr 2021 als wirre Theorien, Verschwörungsmythen, Hass und Hetze, Wahn und Glaube, Fake und Querdenken Hochkonjunktur hatten. Dass er das Geschehen nach Ungarn verlagert, ist durchaus pikant und als böser Seitenhieb auf das ultranationalistische und antidemokratische Orbán-Regime zu verstehen. Überhaupt nimmt er die Ungarn selbst aufs Korn, von denen wohl nicht wenige glauben, sie seien Auserwählte. „Als Jesus in die Puszta kam“ bringt den (Größen-)Wahn unserer Zeit nicht nur lustig, sondern auch spannend und nachdenklich auf den Punkt. Im Grunde schildert Fónyad, wie Totalitarismus entsteht. Leider bleibt die Gewissheit, dass die Realität viel schlimmer ist.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em><strong>Gábor Fónyad:</strong> Als Jesus in die Puszta kam. Elster &amp; Salis Wien 2021, 270 S., 24 Euro.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>In Würde scheitern.</title>
		<link>https://literaturhauskassel.de/in-wuerde-scheitern/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[verwa]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 25 Feb 2023 08:16:05 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kassel liest]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://literaturhauskassel.de/in-wuerde-scheitern/</guid>

					<description><![CDATA[Daniele Dell’Agli über Thomas Metzingers „Bewusstseinskultur“.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="wp-block-paragraph"><strong><strong>Daniele Dell’Agli über Thomas Metzingers „Bewusstseinskultur“.</strong></strong></p>



<figure class="wp-block-image alignleft size-medium"><img loading="lazy" decoding="async" width="480" height="654" src="https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2023/02/Metzinger-1000-480x654.jpg" alt="" class="wp-image-10661" srcset="https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2023/02/Metzinger-1000-480x654.jpg 480w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2023/02/Metzinger-1000-980x1335.jpg 980w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2023/02/Metzinger-1000-200x272.jpg 200w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2023/02/Metzinger-1000-768x1046.jpg 768w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2023/02/Metzinger-1000-320x436.jpg 320w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2023/02/Metzinger-1000.jpg 1000w" sizes="auto, (max-width: 480px) 100vw, 480px" /></figure>



<p class="wp-block-paragraph">Thomas Metzinger ist unter Deutschlands Philosophen derjenige, der sich am intensivsten mit den Neurowissenschaften und ihrem Beitrag zu einer Überprüfung traditioneller Theorien des menschlichen Geistes auseinandergesetzt hat. In seinem jüngsten Buch wechselt er allerdings das Genre und mischt sich direkt ein in die noch kaum begonnene Debatte um eine zureichende intellektuelle Durchdringung des weltgeschichtlich größten Menschheitsproblems, auch Klimawandel genannt. Der Autor bilanziert vorab die „planetare Krise“ und konstatiert angesichts unserer Jahrzehnte währenden Untätigkeit, ja unseres Unwillens, wirksame Maßnahmen zu ihrer Abwendung zu unternehmen, einen Mangel an „kultureller Kreativität“.&nbsp; „Leitbild“ für neue Handlungsnormen und einem entsprechenden kulturellen Kontext könnte etwas sein, dass er „Bewusstseinskultur“ nennt und deren Elemente er in seinem Buch vorstellt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein Bewusstsein, das kommenden Herausforderungen gewachsen wäre, muss sich, Metzinger zufolge, zunächst einmal durch „intellektuelle Redlichkeit“ auszeichnen. Darunter versteht er „die Weigerung, sich selbst in die Tasche zu lügen.“ Das hört sich salopp an, bedeutet aber im Klartext, dass wir endlich anerkennen, dass „der menschliche Geist in der Klimakrise seinen Meister gefunden hat.“ Und dass wir erst „beginnen, die Gründe dafür langsam zu verstehen.“ Mit ihrem Zeitlupenverlauf, ihren Rückkopplungen und Kipppunkten sowie der schwer nachvollziehbaren „Trägheit der physikalischen Systeme“ ist der menschliche Geist schlicht überfordert. Hinzu kommt die jeweils individuelle Trägheit, die uns wider besseren Wissens an klimaschädlichen Gewohnheiten festhalten lässt und nicht zuletzt die Trägheit der politischen Systeme sowie der Gesellschaft insgesamt. Zum Verhängnis geworden ist uns nicht zuletzt die evolutionsbiologisch angelegte Neigung zu immer mehr Wachstum – mit einer entsprechenden funktionalen Architektur des Gehirns, die es erschwert, sich den veränderten Bedingungen zu stellen. „Wir müssen dringend herausfinden, wie plastisch unser Gehirn wirklich ist: wann öffnen sich im Lauf eines Lebens die Zeitfenster, in denen wir tatsächlich eine Veränderung bewirken können“? Auch dies, so Metzinger, eine Aufgabe für die von ihm angedachte Bewusstseinskultur.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Metzinger wendet sich gegen den wohlfeilen Zweckoptimismus, der uns weismachen will, mit neuen Technologien und einem lediglich umgesteuerten, „grünen“ Wachstum die Klimaziele erreichen zu können; er plädiert vielmehr für einen Realismus, der, ohne in defätistische Resignation zu verfallen, uns in die Lage versetzen soll, „in Würde zu scheitern“ und unsere Selbstachtung zurückzugewinnen. Dessen „Bewusstseinszustände“ speisen sich aus denkbar unterschiedlichen Quellen, die er im Verlauf des Buchs in ihrer historischen Genese erläutert. Das Spektrum reicht von wissenschaftlicher Rationalität angelsächsischer Provenienz bis zu „säkularer Spiritualität“, ich-befreiender Meditation und Erfahrungen mit psychoaktiven Substanzen. So unscharf das Profil einer neuen „Bewusstseinskultur“ bleibt, so klar wird ihre Dringlichkeit angemahnt, um den „psychologischen Kipppunkten“ die Stirn zu bieten, die der Autor für den Moment vorhersagt, wo dem irreversibel umkippenden Klima die Erkenntnis folgen wird, dass die bisherigen, wohlstandsverwöhnten Lebensformen nicht mehr zu halten sein werden. Metzinger nennt dies den „Panikpunkt“, auf den wir uns, da die Klimaziele auf keinen Fall einzuhalten sein werden, vorbereiten müssen, auch geistig. Metzinger geht es nicht darum, die Gehalte einer neuen Ethik der Selbstwahrnehmung zu definieren, er sondiert vielmehr die bewusstseinsphilosophischen Voraussetzungen der dringend gebotenen Metanoia. Für sein Projekt einer alternativen Bewusstseinskultur öffnet er den Raum ihrer phänomenalen Zustände für meditative und spirituelle Praktiken sowie für eine „psychonautische Pharmakologie“, von denen er sich einen „evidenzbasierten“, naturwissenschaftlich begründeten Zugang zur „Erfahrung des reinen Bewusstseins“ verspricht. Der Rezensent bleibt allerdings skeptisch, ob es reichen wird, Formen einer „nicht-dualen“, also weder selbst- noch gegenstandsbezogenen Achtsamkeit einzuüben, um dem narzisstischen Sog der Konsumgesellschaft zu entkommen. Aber Metzinger betont, dass sein Projekt offen angelegt ist für Präzisierungen, Korrekturen und Erweiterungen und er bietet genug anregende Argumente, es in Angriff zu nehmen.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em><strong>Thomas Metzinger, </strong>Bewusstseinskultur. Spiritualität, intellektuelle Redlichkeit und die planetare Krise. Berlin Verlag 2022, 204 S., 22 Euro.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Gift und Galle.</title>
		<link>https://literaturhauskassel.de/gift-und-galle/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[verwa]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 14 Jan 2023 08:16:04 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kassel liest]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://literaturhauskassel.de/gift-und-galle/</guid>

					<description><![CDATA[Thomas Bündgen über Catharina Berents‘ Krimi „Wo die Wellen brechen.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="wp-block-paragraph"><strong>Thomas Bündgen über Catharina Berents‘ Krimi „Wo die Wellen brechen“.</strong></p>



<figure class="wp-block-image alignleft size-medium"><img loading="lazy" decoding="async" width="480" height="640" src="https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2023/01/berents-480x640.jpg" alt="" class="wp-image-10659" srcset="https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2023/01/berents-scaled-480x640.jpg 480w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2023/01/berents-980x1307.jpg 980w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2023/01/berents-200x267.jpg 200w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2023/01/berents-768x1024.jpg 768w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2023/01/berents-1152x1536.jpg 1152w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2023/01/berents-1536x2048.jpg 1536w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2023/01/berents-scaled.jpg 1920w" sizes="auto, (max-width: 480px) 100vw, 480px" /></figure>



<p class="wp-block-paragraph">Catharina Berents ist Kunsthistorikerin mit Veröffentlichungen zur Geschichte des Designs, zur Art déco und anderen Themen. Hier legt sie ihren belletristischen Erstling vor, einen Kriminalroman. Damit wandelt sie auf den Pfaden des kürzlich verstorbenen Boris Meyn, seines Zeichens auch Kunsthistoriker, dessen Krimis u.a. in Ratzeburg (Schleswig-Holstein) spielen und dessen Ermittler Jensen im Namen von Berents‘ Hauptschauplatz zu Ehren kommt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dieser Krimi spielt in einem Wissenschaftsmuseum in Schleswig-Holstein, dem fiktivem Jensen Museum im ebenso fiktiven Kleefeld. Hier lässt sich leicht ein real existierendes Museum in einer Kleinstadt in Schleswig-Holstein erkennen, das bleibt beides aber unbenannt, um den Lesern nicht die Spurensuche zu verderben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die junge Museumsdirektorin Franziska de Beer gerät unversehens in einen Kriminalfall, der sich für sie als immer bedrohlicher herausstellt. Franziska, die dem Leser als eigentlich zu weltläufig und gebildet für die Kleinstadt präsentiert wird, fühlt sich doch aber zusehends wohl in der gutbürgerlich geordneten kleinen Stadt, auch weil sich für sie eine Romanze mit einem attraktiven Einheimischen entspinnt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Kriminalfall allerdings bringt sie in Bedrängnis, ihr Assistent &#8211; ein Historiker, der sich auch Hoffnungen auf ihren Posten gemacht hatte, treibt tot im Wind-Wellen-Kanal, einem Hauptexponat des Museums. Franziska wird zunächst selbst verdächtigt, ihren Konkurrenten getötet zu haben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Autorin nutzt die Institution des Museums, um Intrigen, Machenschaften und düstere Pläne in diesem Milieu darzustellen, welches sich die naiven Besucher doch frei davon erhoffen und doch wissen, dass auch hier alle menschlichen Eigenschaften zur Blüte kommen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Krimihandlung wird durch Exkurse zur Geschichte und Kunst der Region sowie durch die Schilderung der Einbettung des Museums und seiner Mitarbeitenden in die lokale Kultur und Politik umkränzt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Kriminalfall nimmt eine überraschende Wendung und weist in die deutsche Geschichte zurück, hier auf die Aktivitäten der Staatssicherheit der DDR auf westdeutschen Boden. Diese reichen ja bis in die Gegenwart hinein und kommen heute noch, z.B. im ambivalenten Verhältnis mancher Politiker zu Russland, zum Ausdruck. Querverbindungen werden im Text zu den Giftanschlägen russischer Geheimdienste in der Jetztzeit gezogen. Diese ganze Zeit bedarf der umfassenden historischen Analyse, aber die zeitliche Distanz ist für eine solche vermutlich noch nicht groß genug, so helfen uns zwischenzeitlich „Kriminalgeschichten&#8230;um zu erkennen, was, in moralischer Hinsicht, der Mensch eigentlich ist.“ (Arthur Schopenhauer)</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em><strong>Catharina Berents: </strong>Wo die Wellen brechen. Emons Verlag, Köln 2022, 240 Seiten, 13,- €</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Zwischen Pest und Cholera. Jahrhunderte Deutscher Geschichte.</title>
		<link>https://literaturhauskassel.de/zwischen-pest-und-cholera-jahrhunderte-deutscher-geschichte/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[verwa]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 10 Dec 2022 08:15:59 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kassel liest]]></category>
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					<description><![CDATA[Tobias Pohlmanns Thriller „Der Geistreisende“, vorgestellt von Thomas Bündgen.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="wp-block-paragraph"><strong>Tobias Pohlmanns Thriller „Der Geistreisende“, vorgestellt von Thomas Bündgen.</strong></p>



<figure class="wp-block-image alignleft size-medium"><img loading="lazy" decoding="async" width="480" height="640" src="https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2022/12/Pohlmann2-480x640.jpg" alt="" class="wp-image-10657" srcset="https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2022/12/Pohlmann2-scaled-480x640.jpg 480w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2022/12/Pohlmann2-980x1307.jpg 980w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2022/12/Pohlmann2-200x267.jpg 200w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2022/12/Pohlmann2-768x1024.jpg 768w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2022/12/Pohlmann2-1152x1536.jpg 1152w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2022/12/Pohlmann2-1536x2048.jpg 1536w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2022/12/Pohlmann2-scaled.jpg 1920w" sizes="auto, (max-width: 480px) 100vw, 480px" /></figure>



<p class="wp-block-paragraph">Tobias Pohlmann hat an seinem Erstlingsroman viele Jahre gearbeitet, wie er selbst im Nachwort schreibt. Nun, gelungen ist ihm auf jeden Fall ein ungewöhnliches Buch, welches die Genres Thriller, Science-Fiction und historischer Roman sowie etliche kluge Ideen miteinander mischt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ausgehend von der technischen Möglichkeit der Zeitreise geht es hier um die Jagd nach einem Medikament über die Jahrhunderte hinweg. Die Handlung spielt in der Gegenwart, der Pestzeit des 14. Jahrhunderts, in der Nazizeit und in der DDR. Der Autor hat sich Zeitabschnitte ausgesucht, in denen man selber lieber nicht gelebt hätte, in denen die Handlung aber durch allerlei Widrigkeiten vorangetrieben werden kann. Das Buch ist handwerklich gut gemacht und ausgezeichnet recherchiert (man siehe hier nur einmal die Beschreibung des Umgangs mit einem Mikrofilmlesegerät). Auch der Einstiegsplot lässt nichts zu wünschen übrig, wenn der Hauptprotagonist (und auch die Hauptidentifikationsfigur) bereits relativ am Anfang in eine drastische, existenziell gefährliche Situation hineingeworfen wird.</p>



<p class="wp-block-paragraph">&nbsp;Die Handlung ist sehr spannend, die klassischen „Thrill“-Elemente werden gut genutzt, gleichzeitig lernt man – so man denn will – etwas über die beschriebenen Zeitabschnitte, die z. T. nicht sehr geläufig sind, wie etwa die Kleinkriege im Harz der Pestzeit im Spätmittelalter. Wenn auch Nazizeit und DDR wesentlich präsenter im Bewusstsein der Leser sein dürften, gewinnt die Handlung hier ihre Dynamik durch die Perspektive des „Bösen“, die der Zeitreisende einzunehmen gezwungen ist.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Buch lässt sich auch als eine Metapher auf das Fortwirken und die Präsenz der Geschichte in der Gegenwart lesen, letztere wird einem bei der Lektüre immer angenehmer. Geübte Krimileser hätten sich vielleicht eine dynamischere Entwicklung der Personen gewünscht, bleiben diese doch in der normativen Disposition ihrer Ersteinführung stehen. Aber wer eine klare Orientierung hinsichtlich Gut und Böse schätzt, wird dieses nicht bemängeln. Die ungewöhnliche Mischung der Genres ist mutig und begrüßenswert, man würde sich öfter die Überschreitung der letztendlich immer willkürlicher erscheinenden Genregrenzen wünschen.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em><strong>Tobias Pohlmann</strong>: Der Geistreisende, Eigenverlag, Kassel 2022, 19,99 €</em></p>



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		<title>Vom Nutzen der Fiktion fürs Überleben</title>
		<link>https://literaturhauskassel.de/vom-nutzen-der-fiktion-fuers-ueberleben/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[verwa]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 16 Sep 2022 08:15:52 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kassel liest]]></category>
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					<description><![CDATA[Daniele Dell’Agli bespricht „Blackout von Denis Newiak.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="wp-block-paragraph"><strong>Daniele Dell’Agli bespricht „Blackout von Denis Newiak.</strong></p>



<figure class="wp-block-image alignleft size-medium"><img loading="lazy" decoding="async" width="480" height="579" src="https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2022/09/Newiak-480x579.jpg" alt="" class="wp-image-10655" srcset="https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2022/09/Newiak-scaled-480x579.jpg 480w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2022/09/Newiak-980x1182.jpg 980w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2022/09/Newiak-200x241.jpg 200w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2022/09/Newiak-768x926.jpg 768w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2022/09/Newiak-1273x1536.jpg 1273w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2022/09/Newiak-1698x2048.jpg 1698w" sizes="auto, (max-width: 480px) 100vw, 480px" /></figure>



<p class="wp-block-paragraph">Kenner von Agentenfilmen dürften 2013 von den Enthüllungen Edward Snowdens nicht sonderlich überrascht gewesen sein, hatte doch Tony Scott in „Enemy of the State“ bereits 1998 das ganze Ausmaß der NSA-Überwachung und der dazu eingesetzten Technologien zum Gegenstand eines virtuosen Action-Reißers (mit Will Smith und Gene Hackman) gemacht. Dass die Drehbuchautoren solcher Genrefilme nicht nur in Hollywood über authentisches Insider-Wissen verfügen, gerät leicht über den Unterhaltungswert der Endprodukte in Vergessenheit und wird von der Kritik allenfalls am Rande oder indirekt mit einem Lob für die Stimmigkeit der Plots vermerkt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Medienwissenschaftler Denis Newiak hat es sich demgegenüber zur Aufgabe gemacht, dieses Rezeptionsverhältnis umzukehren und dem impliziten Wissen von Filmen und Serien nachzuspüren sowie der Frage, was wir von ihnen lernen können. Er hat zu diesem Zweck ein Science-Fiction-Genre gewählt, das seit gut drei Jahrzehnten nicht zufällig eine steigende Konjunktur verzeichnet: das der fiktionalen Dystopien und ihrer düsteren Visionen vom Ende unserer Zivilisation. Und er hat im Subgenre des <em>Blackouts</em>, also der dramaturgischen Verarbeitung der, wie sich im Zuge seiner Untersuchung herausstellt, größten anzunehmenden Katastrophe, ein sowohl lohnendes als auch seit der Drosselung der russischen Gaslieferungen denkbar aktuelles Objekt gefunden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Stromleitungen sind die Blutgefäße der modernen Zivilisation, der durch sie fließende Strom der Lebenssaft aller modernen Einrichtungen – vom Wasserhahn über die automatisierte Börse bis zum Internet“, schreibt Newiak. „Mit einem flächendeckenden Stromausfall droht schnell ein Kollaps des gesamten modernen Lebens. Film und Fernsehen zeugen von dieser ständig präsenten, aber öffentlich und politisch unterschätzten Gefahr&#8230; In Filmen und Serien wird gezeigt, dass die moderne Gesellschaft als Ganzes wie auch die einzelnen Personen meist gänzlich unvorbereitet von dem flächendeckenden Stromausfall heimgesucht werden.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Vorweg informiert Newiak in einem eigenen Kapitel über den Stand der Forschung zu den ganz realen „Stromkrisenszenarien und ihren Ursachen“ sowie der Mahnungen, endlich Vorsorge zu treffen, die bei der Politik bislang ähnlich ungehört verhallt sind wie seinerzeit die Expertengutachten zur Pandemie-Vorsorge. Was dem Autor Anlass gibt, abermals für den spielerischen Umgang dieser Problematik in den einschlägigen Fiktionen zu werben, die über Film und Fernsehen ein größeres Publikum erreichen als die sperrigen Abhandlungen der Fachliteratur.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dazu führt Newiak eine beeindruckende Riege von Dutzenden Spielfilmen und mehr als ein halbes hundert Serien als Kronzeugen auf, die selbst Kennern der Materie jede Menge Neuentdeckungen bieten. Wollte man eine Quintessenz aus seinen Analysen ziehen, so wäre dies die, dass der Firnis der Humanität, wie wir sie kennen, unvorstellbar dünn ist. Unsere zivilisierten Umgangsformen einschließlich der sie garantierenden rechtsstaatlichen Ordnung hängen buchstäblich am Draht der Stromversorgung. Man kann sie zwar nicht darauf reduzieren, einzig Produkt jener komfortablen Lebensbedingungen zu sein, die erst durch die Elektrizität möglich geworden sind, aber ohne diese sind sie nicht oder nur noch kurze Zeit durchzuhalten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Darum legt der Autor, der es sich nicht nehmen lässt, auf jeder Seite die Kernaussage des gerade Erläuterten separat fettgedruckt und eingerückt hervorzuheben, größten Wert auf die praktischen Erkenntnisse, die man aus der Beschäftigung mit dem Thema gewinnen kann (und die er eigens in der„Checkliste“ des Schlusskapitels, auflistet): „Wenn Blackout-Filme und -Serien eines verbindet, dann ist es das geteilte Bewusstsein dafür, dass Vorsorge im Kleinen wie im Großen vergleichsweise einfach&#8230; zu haben ist: Jede oder jeder Einzelne kann mit einem angemessenen Vorrat an Lebensmitteln, Wasser und Medikamenten, einem batteriegetriebenen Radio, einer Powerbank und einem Campingkocher leicht Vorbereitungen treffen, einen flächendeckenden Blackout besser durchzustehen&#8230;.“ Zweifellos kommt den fiktionalen Endzeitszenarien die zentrale mentalitätspsychologische Aufgabe zu, für die Möglichkeit zivilisatorischer Ausnahmesituationen zu sensibilisieren – was den täglichen Katastrophennachrichten, selbst solchen über Extremdürren, Jahrhundertfluten, Kernschmelzen oder Pandemien bekanntlich nicht gelingen will. Ob die meist drastisch ausgemalten Schreckensvisionen tatsächlich, wie Newiak hofft, als Warnungen verstanden und in entsprechenden Präventionsmaßnahmen umgesetzt werden, darf allerdings bezweifelt werden. Grundsätzlich stimmt zwar, dass „nur durch die Vergegenwärtigung, die Inszenierung des Weltrisikos die Zukunft der Katastrophe Gegenwart wird“ (Ulrich Beck); doch einen Großteil der Gruseleffekte selbst realistischer Darstellungen darf man getrost als Unterhaltungsdividende abschreiben, Lerneffekt gleich null. Aber vielleicht verschiebt sich der Aufmerksamkeitsfokus in die gewünschte Richtung gerade durch diese Veröffentlichung, der man vor allem unter Multiplikatoren in Medien und Feuilleton und natürlich in den dafür zuständigen Behörden und Ministerien möglichst viele Leser wünscht.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em><strong>Denis Newiak, </strong>Blackout. Nichts geht mehr. Wie wir uns mit Filmen und TV-Serien auf einen Stromausfall vorbereiten können. Schüren Verlag 2022, 230 Seiten, zahlreiche Abbildungen, 25 Euro.</em></p>



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		<title>Im MERZbau der Sprache</title>
		<link>https://literaturhauskassel.de/im-merzbau-der-sprache/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[verwa]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 23 Jul 2022 08:15:48 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kassel liest]]></category>
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					<description><![CDATA[Ulrike Draesners Roman „Schwitters“, vorgestellt von Andreas Gebhardt.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="wp-block-paragraph"><strong>Ulrike Draesners Roman „Schwitters“, vorgestellt von Andreas Gebhardt.</strong></p>



<figure class="wp-block-image alignleft size-medium"><img loading="lazy" decoding="async" width="480" height="620" src="https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2022/07/Schwitters-480x620.jpg" alt="" class="wp-image-10653" srcset="https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2022/07/Schwitters-480x620.jpg 480w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2022/07/Schwitters-200x258.jpg 200w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2022/07/Schwitters-768x992.jpg 768w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2022/07/Schwitters.jpg 800w" sizes="auto, (max-width: 480px) 100vw, 480px" /></figure>



<p class="wp-block-paragraph">In meiner späten Jugend war ich glühender Schwitters-Fan, das kam so: In einer Anthologie las ich seine Groteske „Auguste“ Bolte. Dann entdeckte ich sein berühmtestes Gedicht und es war um mich geschehen: „Anna Blume, du tropfes Tier, ich liebe dir…“. Ich wollte sofort sein fünfbändiges Gesamtwerk haben, es war leider unbezahlbar, also entlieh ich es und tippte viele seiner Lautgedichte, Wort- und Sprachspiele mit der Schreibmaschine ab. Der frühe Kurt Schwitters der MERZ-Künstler, der Dadaist, der keiner sein wollte, der Sprachartist und Werbegrafiker, ist gut erforscht, vom späten weiß man eher weniger.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das ist jetzt anders, nicht zuletzt dank Ulrike Draesners Roman. Sie wirft Schlaglichter auf sein spätes Leben. Schwitters war 49 Jahre, als er Anfang 1937 seine Heimatstadt Hannover verließ. Kunst oder Leben: das waren die Alternativen, die Nazis hatten ihn längst im Visier. Er ging mit seinem Sohn Ernst nach Norwegen, seine Frau Helma blieb in Hannover, wo eine Fliegerbombe sein Hauptwerk, den MERZbau, in Schutt und Asche legte. Von dort emigrierten er mit Ernst und dessen Freundin nach England. Zunächst lebte er in Lagern, dann in London, wo er sich in Edith Thomas, genannt „Wantee“, verliebte. Das Liebespaar übersiedelte 1945 aufs Land, nach Ambleside im Lake District. Hier arbeitete er manisch am MERZbarn, seiner zweiten begehbaren Plastik. 1948 starb Schwitters, schwer krank und entkräftet in Ambleside. Soweit einige äußere Daten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Draesner gelingt das Kunststück, diesen späten Lebensabschnitt kunstvoll gestaltend zu erzählen, chronologisch zwar, aber stets schlaglichtartig collagierend. Die Materiallage ist ja dünn. Es existieren einige wenige Fotografien, im Exil verfasste er manchen Text auf Norwegisch und Englisch. Er musste sich verwandeln, die fremden Sprachen erschließen, sich aneignen und in diesen neu denken lernen. Draesner schildert das auf faszinierende Weise von „innen“ heraus, macht Schwitters Denken, seine Sprach-Kunst begreif- und nachvollziehbar. In Anlehnung an Arno Schmidt könnte man ihre Methode „längeres Gedankenspiel“ nennen. Und wie Schwitters spielt auch Draesner mit der Sprache, verdichtet, dehnt, assoziiert, kombiniert, collagiert und lauscht ihr genau. Sie, die ja auch eine Wanderin zwischen Deutsch und Englisch ist, klopft die Sprach(e)n auf ihre Bedeutungen ab, geht ihr (ihnen) auf den Grund, knetet sie unermüdlich. Schwitters tritt durch Draesners Sprachkunst aus dem Dunkel heraus und gewinnt Kontur. Ja, so könnte er gewesen sein, der „Körrt“. Aber vielleicht auch very different.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Am 10. November 2022 liest Ulrike Draesner auf Einladung des Literaturhaus Nordhessen im Staatstheater Kassel: www.literaturhaus-nordhessen.de</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em><strong>Ulrike Draesner</strong>: Kurt Schwitters. Roman, Penguin-Verlag, 475 Seiten, 12 Euro.</em></p>



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		<title>Im besten Sinne aufklärerisch</title>
		<link>https://literaturhauskassel.de/im-besten-sinne-aufklaererisch/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[verwa]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 01 Jul 2022 08:15:47 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kassel liest]]></category>
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					<description><![CDATA[Andreas Gebhardt über „Rude Girl“ von Birgit Weyhe.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="wp-block-paragraph">Andreas Ge<strong>bhardt über „Rude Girl“ von Birgit Weyhe.</strong></p>



<figure class="wp-block-image alignleft size-medium"><img loading="lazy" decoding="async" width="480" height="573" src="https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2022/06/Weyhe-480x573.jpg" alt="" class="wp-image-10651" srcset="https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2022/06/Weyhe-480x573.jpg 480w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2022/06/Weyhe-200x239.jpg 200w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2022/06/Weyhe.jpg 500w" sizes="auto, (max-width: 480px) 100vw, 480px" /></figure>



<p class="wp-block-paragraph">Aus der Masse der Comic-Biografien ragt das neueste Opus der Hamburger Zeichenkünstlerin Birgit Weyhe beeindruckend heraus. Zum einen hat sie keine historische Person ausgewählt, deren Jubiläum gerade oder in absehbarer Zeit gefeiert wird, der also eine gewisse (kommerzielle) Aufmerksamkeit sicher ist. Zum anderen begegnet sie ihrem (unbekanntem) Sujet nicht als allwissende Interpretin, sondern als Suchende, die ihr Tun hinterfragt und auf den Prüfstand stellt. Dadurch gerät ihr Porträt der afroamerikanischen Germanistik-Professorin Priscilla Layne zu einer persönlichen Auseinandersetzung und zu einer anregenden Lektüre, die einen Erkenntnisprozess in Gang setzt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Weyhe, die bereits zu Gast beim „Festival Grafisches Erzählen“ in Kassel war, lernt Layne im Rahmen eines Austauschprogramms an einem US-College kennen. Sie fremdelt mit dem Land, aber Gespräche mit Layne öffnen ihr allmählich die Augen in Bezug auf kulturelle Differenzen und Denkweisen. Laynes Eltern stammen aus der Karibik, ihre Mutter zieht sie alleine groß. Man nennt sie – nach den beliebten Keksen – abwertend eine „Oreo“, schwarze Hülle, weißer Kern. Sie sitzt also zwischen den Stühlen, muss ihre Stellung finden in der Gemengelage von geschlechtlicher Identität, ethnischer Herkunft (Rasse/Race) und sozialer Zugehörigkeit (Class/Klasse). Sie wird als Kind von einem Verwandten missbraucht und muss schmerzlich erfahren, dass ihre Familie darüber den Mantel des Schweigens breitet, um den Täter zu schützen. Sie lernt Musik zu lieben, lernt Deutsch. Sie schließt sich – bewusste Entscheidung und Befreiungsschlag – den linken Skinheads an, den Sharps, die jede Form von Rassismus ablehnen, dafür Stolz sind auf ihre Herkunft aus der Arbeiterklasse. Mit ihrem ausgeprägten Eigensinn brüskiert sie ihre Umwelt, daher der Titel: „Rude Girl“. Es geht also um Erwachsenwerdung, Gewalt, Schmerz, Auflehnung, Akzeptanz. Bewusstseinsbildung, Identität. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Weyhe hat eine unverwechselbare Bildsprache gefunden. Sie erzählt die Geschichte der Priscilla Layne in stilisierten und manchmal expressiven Panels. So gelingt ihr, die äußere und innerer Welt ihrer Protagonistin darzustellen. Das geschieht chronologisch, nicht linear. Denn nach jedem Abschnitt unterbricht sie und schaltet eine Reflexionsebene ein, indem sie die „gegenwärtige“ Layne auftreten lässt, die das bis dahin von Weyhe Geschilderte hinterfragt und z. T. behutsam korrigiert, etwa in der Farbwahl oder in der Darstellung von Personen. So findet ein nachvollziehbarer ständiger Annäherungsprozess zwischen der Comic-Künstlerin bzw. ihrer Arbeit und der jungen Germanistik-Professorin statt. Und dieser ist im besten Sinne aufklärerisch.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em><strong>Birgit Weyhe</strong>: Rude Girl. Avant-Verlag 2022, 312 Seiten, 26 Euro.</em></p>



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		<item>
		<title>Sternenseher – Zeitenmesser</title>
		<link>https://literaturhauskassel.de/sternenseher-zeitenmesser/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[verwa]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 11 Jun 2022 08:15:47 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kassel liest]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://literaturhauskassel.de/sternenseher-zeitenmesser/</guid>

					<description><![CDATA[Ingrid Rosenberg-Harbaum bespricht „Die Dame mit der bemalten Hand“ von Christine Wunnicke.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="wp-block-paragraph"><strong>Ingrid Rosenberg-Harbaum bespricht „Die Dame mit der bemalten Hand“ von Christine Wunnicke.</strong></p>



<figure class="wp-block-image alignleft size-medium"><img loading="lazy" decoding="async" width="480" height="652" src="https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2022/06/Wunnicke-480x652.jpg" alt="" class="wp-image-10649" srcset="https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2022/06/Wunnicke-480x652.jpg 480w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2022/06/Wunnicke-200x272.jpg 200w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2022/06/Wunnicke-768x1044.jpg 768w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2022/06/Wunnicke.jpg 894w" sizes="auto, (max-width: 480px) 100vw, 480px" /></figure>



<p class="wp-block-paragraph">Auf Initiative des Göttinger Orientalisten Johann David Michaelis entsandte im Jahr 1761 der König von Dänemark die erste große europäische Forschungs-Expedition nach Arabien. Von den sechs Teilnehmern überlebte allein Carsten Niebuhr (1733 – 1815) die Reise, deren Sinn und Zweck unter anderem darin lag, den Wahrheitsgehalt biblischer Texte empirisch zu überprüfen. Mit einem umfangreichen Fragenkatalog ihrer Professoren im Gepäck schickten die Wissenschaftler auf ihrem Weg in den Jemen aus Ägypten mehrere Mumien nach Kopenhagen, von wo aus 1781 eine nach Göttingen entsandt, mit modern anmutenden interdisziplinären Untersuchungen vermessen und im Academischen Museum ausgestellt wurde. Noch heute wird sie als Artefakt im anthropologischen Institut der Universität aufbewahrt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In der Fiktion trifft der weise Sternenkundige und Astrolabienbauer Musa al-Lahuri mit seinem Diener Malik bei einem Zwangsaufenthalt wegen Flaute auf der Insel Gharapuri oder Elephanta vor der Küste von Mumbay auf das vom Wege abgekommene Vermessungsgenie der Orient-Expedition Carsten Niebuhr. Wenn auf der unwirtlichen Insel die griechisch-europäische Wissenschaft, einschließlich der rationalistischen und empiriebesessenen Göttinger Theologie, und die iranisch-indisch-arabische Wissenschaft der Astronomie, Mathematik und Geodäsie aufeinanderstoßen, spielt im Gegensatz Ost-West das Sternbild der Kassiopeia eine zentrale Rolle. Seit jeher haben Menschen versucht, sich auf der Erde zu orientieren und nutzten die Sterne zur Navigation. Aber jede Kultur liest etwas Anderes aus den Sternen heraus, weil sie sich dabei jedes Mal auch selbst am Nachthimmel wiederfindet. Nicht selten sich hochkomisch missverstehend sprechen die beiden praxiserprobten Wissenschaftler Arabisch miteinander, wobei der sich in vielen Sprachen bewanderte Perser unermüdlich dem Erzählen von Geschichten widmet, und der auf sein Fach spezialisierte Europäer der Aufklärung norddeutsch wortkarg Fragen stellt oder nachdenklich schweigt. Die zunehmend zugleich verständnislosen wie verständnisinnigen Dialoge zwischen Meister Musa und dem vom Fieber gebeutelten Niebuhr erweisen sich als lebensrettend und bringen Tiefe und Kurzweil in den Roman. Dabei sollte Niebuhrs Fazit „Wir glotzen alle in denselben Himmel“ nicht sein letztes Wort sein. Er veröffentlichte in drei Bänden 1772 bzw. 1774/78 einen ausführlichen Bericht seiner abenteuerlichen Reise, der in mehrere Sprachen übersetzt zu den bekanntesten Dokumenten der Reiseliteratur des 18. Jahrhunderts gehört. Mit historischen Fakten als Kettfäden webt Christine Wunnicke vielschichtig wunderbar schillernde Literatur, die mit viel Witz Wissenschaftsgeschichte poetisch erzählt und 2020 mit dem Wilhelm-Raabe-Literaturpreis ausgezeichnet wurde.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em><strong>Christine Wunnicke</strong>: Die Dame mit der bemalten Hand. Berenberg, Berlin. 4. Auflage im September 2020. 165 Seiten, 22 Euro.</em></p>



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<p class="wp-block-paragraph"></p>
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			</item>
		<item>
		<title>Stasi-Spionage und Graphologie</title>
		<link>https://literaturhauskassel.de/stasi-spionage-und-graphologie/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[verwa]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 14 May 2022 08:15:41 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kassel liest]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://literaturhauskassel.de/stasi-spionage-und-graphologie/</guid>

					<description><![CDATA[Thomas Bündgen über „Die Diplomatenallee“ von Annette Wieners.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="wp-block-paragraph"><strong>Thomas Bündgen über „Die Diplomatenallee“ von Annette Wieners.</strong></p>



<figure class="wp-block-image alignleft size-medium"><img loading="lazy" decoding="async" width="480" height="588" src="https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2022/05/Foto-Diplomatenallee-480x588.jpg" alt="" class="wp-image-10645" srcset="https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2022/05/Foto-Diplomatenallee-scaled-480x588.jpg 480w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2022/05/Foto-Diplomatenallee-980x1200.jpg 980w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2022/05/Foto-Diplomatenallee-200x245.jpg 200w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2022/05/Foto-Diplomatenallee-768x940.jpg 768w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2022/05/Foto-Diplomatenallee-1255x1536.jpg 1255w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2022/05/Foto-Diplomatenallee-1673x2048.jpg 1673w" sizes="auto, (max-width: 480px) 100vw, 480px" /></figure>



<p class="wp-block-paragraph">Annette Wieners widmet sich in ihrem neuesten Roman „Die Diplomatenallee“ zwei Themen, die weitestgehend aus dem Fokus der Öffentlichkeit verschwunden sind, das eine zu Recht, das andere bedauerlicherweise.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Graphologie spielt in diesem Roman eine große Rolle, jene psychodiagnostische Methode, von der man in Deutschland – zumindest in den 1950er und 60er Jahren – wahre Wunderdinge im Rückschluss von der Handschrift auf den Charakter einer Person erwartete, und die heute als diagnostische Methode nur noch ein Nischendasein fristet, weil sich ihre Ergebnisse nicht validieren ließen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das andere große Thema dieses Buches ist die Spionagetätigkeit, die durch das Ministerium für Staatssicherheit der DDR auf dem Gebiet der Bundesrepublik ausgeübt wurde. Man weiß heute, dass die DDR wahrscheinlich Tausende von informellen Mitarbeitern und sonstigen Spionen in allen wichtigen Bereichen der Bundesrepublik installiert hatte, von denen bis heute nur wenige enttarnt worden sind. Als Beispiel sei hier nur einmal der frühere Vorsitzende des VS Deutschland, Bernt Engelmann, genannt, der lange Zeit für die Stasi als IM tätig gewesen sein soll und zum Beispiel gegen die NATO agitiert hat.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Anhand der Stichworte der Person des Historikers Hubertus Knabe und der Rosenholz-Dateien sei hier nur weiterer Forschungsbedarf genannt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Diese beiden Themen der Graphologie und der Spionage der Stasi in der Bundesrepublik werden in der gut recherchierten und sprachlich der Zeit angepassten Geschichte geschickt miteinander verknüpft, die im Umfeld der Eröffnung der ständigen Vertretung der DDR im Jahr 1974 in Bonn spielt. Das Buch changiert zwischen den Genres der Spionagegeschichte und des Entwicklungsromans. Für einen Thriller ist es allerdings leider nicht aktionsgeladen genug, und für einen Entwicklungsroman wirken die Figuren zu konstruiert.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn es den Leserinnen und Lesern nicht gelingt, die Hauptprotagonistin &#8211; eine Ladenbesitzerin und Hausfrau mit zwei Kindern und Graphologiestudium &#8211; als Identifikationsfigur zu nutzen, ist die Lektüre des Buches mühsam.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das liegt vor allem &#8211; zumindest für den Rezensenten &#8211; an dem zu intensiv eingesetzten Stilmittel des inneren Monologs, in dem unzählige Fragesätze aneinander gereiht werden um den Ängsten, der Unsicherheit und den Sorgen der Hauptfiguren Ausdruck zu geben. Dieses Stilmittel füllt leider den Raum der Imagination der Leserinnen und Leser weitest-gehend aus. Es wäre diesem Buch zusätzlich besser bekommen, wenn es auch für männliche Leser eine Identifikationsfigur geben würde (Ehemann Peter und Professor Buttermann taugen dazu wahrlich nicht) und wenn es sich stärker (nicht vollständig) an dem Genre des Thrillers orientiert hätte.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em><strong>Annette Wieners</strong>: Die Diplomatenallee. Blanvalet 2022, 448 Seiten, 22 Euro</em></p>



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		<title>Das Leben ändert sich in einem Augenblick</title>
		<link>https://literaturhauskassel.de/das-leben-aendert-sich-in-einem-augenblick/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[verwa]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 30 Apr 2022 08:15:37 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kassel liest]]></category>
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					<description><![CDATA[Christa Müller über „Das Jahr magischen Denkens“ von Joan Didion.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="wp-block-paragraph"><strong>Christa Müller über „Das Jahr magischen Denkens“ von Joan Didion</strong></p>



<figure class="wp-block-image alignleft size-medium"><img loading="lazy" decoding="async" width="480" height="492" src="https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2022/05/Didion-480x492.jpg" alt="" class="wp-image-10643" srcset="https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2022/05/Didion-480x492.jpg 480w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2022/05/Didion-980x1005.jpg 980w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2022/05/Didion-200x205.jpg 200w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2022/05/Didion-768x787.jpg 768w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2022/05/Didion-1498x1536.jpg 1498w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2022/05/Didion-1998x2048.jpg 1998w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2022/05/Didion.jpg 2032w" sizes="auto, (max-width: 480px) 100vw, 480px" /></figure>



<p class="wp-block-paragraph">So beginnt der schonungslose, aber niemals wehleidige Bericht der amerikanischen Schriftstellerin Joan Didion, den sie nach dem Herztod ihres Mannes im Dezember 2003 beginnt und ein Jahr später beendet. Auch die Tochter war Ende 2003 schwer erkrankt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die endlose Abwesenheit des geliebten Mannes nach 40 gemeinsamen Jahren sei mit keiner anderen Erfahrung vergleichbar, schreibt sie. In Wellen verursache das Leid Gefühle der Sinnlosigkeit, Übelkeit und Leere &#8211;&nbsp; trotz des geduldigen Zuhörens derer, die auch etwas verloren haben: einen Freund.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Überall lauern Fallen, die Joan Didion in einen Strudel aus Erinnerungsfragmenten, Ahnungen, nicht entschlüsselter Botschaften und vermeintlichen Versäumnissen hineinziehen. Sie bietet alles auf, was mittels Information eine fragile Kontrolle über das Unkontrollierbare verspricht, bemüht die Psychologie, die griechische Mythologie, die Religion, Physik, Medizin, Poesie…</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Konzentration auf die Erfordernisse des Alltags, eine Struktur und vernünftige Ordnung einzuhalten, scheint mehr und mehr zu gelingen, auch hilfreich zu sein gegen Leid. Doch vor Abstürzen in Widersprüchlichkeit schützt das nicht: Obwohl sie nicht an Wiederauferstehung glaubt, kann sie seine Schuhe nicht weggeben, weil „…er sie doch braucht, wenn er wiederkommt.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Viele Monate lässt sie die Zeit rückwärtslaufen, verweilt an der Schwelle seines Todes, widmet der Trauer ihre Konzentration. Der Todestag jährt sich. Den Tag danach, im vorangegangenen Jahr, hat ihr Mann John schon nicht mehr erlebt. Und die Veränderungen seitdem. Loslassen, eine Notwendigkeit oder ein Verrat? Joan Didion verwebt Rückblicke, Beobachtungen, Recherche und Fakten zu einem bewegenden Ganzen, dem Leser gut folgen können. „Das Jahr des magischen Denkens“ hat nichts gemein mit Ratgeberbüchern! Es bietet aber all denen, die sich mit dem Tod auseinandersetzen wollen oder einen nahen Angehörigen verloren haben, einen Rahmen, ihre Gedanken aufzuarbeiten. Joan Didion starb am 23.12.2021. Einen Tag nach meinem Mann.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>J</strong><em><strong>oan Didion</strong>: Das Jahr magischen Denkens, aus dem Englischen von Antje Strubel. Ullstein 2021, 12.00€</em></p>



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		<title>Lust am Denken</title>
		<link>https://literaturhauskassel.de/lust-am-denken/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[verwa]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 02 Apr 2022 08:15:35 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kassel liest]]></category>
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					<description><![CDATA[Daniele Dell’Agli über „Alle Lust will Ewigkeit“ von Konrad Paul Liessmann.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="wp-block-paragraph"><strong>Daniele Dell’Agli über „Alle Lust will Ewigkeit“ von Konrad Paul Liessmann</strong></p>



<figure class="wp-block-image alignleft size-medium"><img loading="lazy" decoding="async" width="480" height="535" src="https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2022/03/Liessmann-480x535.jpg" alt="" class="wp-image-10641" srcset="https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2022/03/Liessmann-480x535.jpg 480w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2022/03/Liessmann-980x1093.jpg 980w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2022/03/Liessmann-200x223.jpg 200w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2022/03/Liessmann-768x856.jpg 768w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2022/03/Liessmann.jpg 1000w" sizes="auto, (max-width: 480px) 100vw, 480px" /></figure>



<p class="wp-block-paragraph">Konrad Paul Liessmann ist dafür bekannt, sich gern in aktuelle Debatten einzumischen und unbequeme Positionsbestimmungen wider den Zeitgeist nicht zu scheuen. Ihm verdanken wir unter anderem die scharfsinnigste Abrechnung mit jener doppelten Zerstörung unseres Bildungssystems, die unter den Decknamen „Pisa“ und „Bologna“ und zur Schande dieser altehrwürdigen Universitätsstädte in die Geschichte eingegangen ist (<em>Theorie der Unbildung</em>, 2006).</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nun hat der Wiener Professor für Philosophie den coronabedingten Hausarrest samt Arretierung eines Teils der universitären Verpflichtungen genutzt, um sich in Nietzsches vielzitiertes und mehrfach, unter anderem von Gustav Mahler vertontes Gedicht aus <em>Also sprach Zarathustra</em> „Oh Mensch! Gieb Acht!“, auch bekannt als <em>Mitternachtslied</em> zu vertiefen, dessen Zeile „Doch alle Lust will Ewigkeit“ zum geflügelten Wort wurde und dem Buch als Titel dient. Jedem Vers hat der Autor ein Kapitel gewidmet, jedes Wort mit Überlegungen bedacht, die weit über das in philologischen Interpretationen Übliche hinausgehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Was Liessmann auf über 300 Seiten vorführt, ist eine wahre Lust am Inter-, Sub- und Paratext, eine Feier des ebenso gelehrten wie scharsinnigen Assoziierens, das in jedem Molekül von Nietzsches Gedicht – vom „Oh“ des Anfangs bis zum „Zwölf“ des Endes – zweieinhalb Jahrtausende sedimentierter Literatur-, Geistes- und Mentalitätsgeschichte schürft und in ständig wechselnden Perspektiven den ganzen neoheidnischen Kosmos jener subversiven Aufmischung der großen Themen abendländischer Selbstverständigung konfiguriert, für die der Name Nietzsches steht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dem Sog von Liessmanns unerschöpflicher Assoziationsfreude folgend gibt man gern der Versuchung nach, selbst sattsam bekannte Passagen aus Nietzsches Werken wieder zu lesen. Zwar ist Liessmanns obsessives Close Reading des <em>Mitternachtslieds</em> keine Einführung in Nietzsches Werk, das es in der suggerierten Einheit und Geschlossenheit dieses Begriffs ohnehin nicht gibt, doch auf jeden Fall macht es mit den wichtigsten Motiven von <em>Also sprach Zarathustra</em> auf eine Weise vertraut, die über das nach wie vor unausgeschöpfte Potential ihrer Aktualisierung staunen lässt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das wirkt manchmal etwas forciert, etwa wenn ihn das mitternächtliche Selbstgespräch – „Was spricht die tiefe Mitternacht?“ – zunächst noch plausibel, wenn auch nicht zwingend, zu Zarathustras Frage nach den „Herren der Erde“ führt, um dessen Verfasser sodann umstandslos zum „Vordenker des Anthropozän“ zu küren. Doch wenn die dritte Zeile („Ich schlief, ich schlief“) den Autor zu einer veritablen Anthropologie des Schlafs im Dialog mit Freud und Günter Anders inspiriert, wird man überrascht von der entlang von <em>Zarathustra</em>-Aphorismen vorbereiteten Antwort (die nicht verraten werden soll) auf die Frage, was denn ein guter Schlaf mit dem (Un-)Sinn des Lebens zu tun hat. Die Exkurse zur anschließenden vierten Verszeile („Aus tiefem Traum bin ich erwacht“) wiederum bieten eine philosophische Traumtheorie, wie man sie so konzis und facettenreich auf zwanzig Seiten nicht nur in der Nietzsche-Literatur vergeblich sucht. Und so lässt Liessmann auch die anderen polaren Kategorien: Welt und Mensch, Lust und Schmerz, Tag und Nacht, die helle und die dunkle Seite unserer Existenz durch das Infrarotlicht von Nietzsches mitternächtlichen Denkens in ihrer ganzen schillernden Ambivalenz aufleuchten, denn nicht der Tag, „die Nacht ist der Ort der tiefen Erkenntnis“. Zum Beispiel jener, dass Glück und Unglück zusammengehören wie Tag und Nacht und die mimosenhaft-narzisstische Unglücksvermeidung unserer Achtsamkeitskulte zum Scheitern verurteilt ist. Überhaupt kann man dieses Buch genauso gut als eine durch Nietzsches gnadenlose Hellsichtigkeit geschärfte philosophische Zeitdiagnose lesen und so die kleine Ewigkeit dieser Lektüre noch lange in sich nachhallen lassen.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Konrad Paul Liessmann, Alle Lust will Ewigkeit. Mitternächtliche Versuchungen. Zsolnay 2021, 317 S., 26 Euro.</em></p>



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		<title>Zu lange blind gewesen</title>
		<link>https://literaturhauskassel.de/zu-lange-blind-gewesen/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[verwa]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 19 Mar 2022 08:15:34 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kassel liest]]></category>
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					<description><![CDATA[Andreas Gebhardt empfiehlt „Über Tyrannei“ von Timothy Snyder.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="wp-block-paragraph"><strong>Andreas Gebhardt empfiehlt „Über Tyrannei“ von Timothy Snyder.</strong></p>



<figure class="wp-block-image alignleft size-medium"><img loading="lazy" decoding="async" width="480" height="543" src="https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2022/03/Snyder-480x543.jpg" alt="" class="wp-image-10639" srcset="https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2022/03/Snyder-scaled-480x543.jpg 480w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2022/03/Snyder-980x1108.jpg 980w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2022/03/Snyder-200x226.jpg 200w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2022/03/Snyder-768x869.jpg 768w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2022/03/Snyder-1358x1536.jpg 1358w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2022/03/Snyder-1811x2048.jpg 1811w" sizes="auto, (max-width: 480px) 100vw, 480px" /></figure>



<p class="wp-block-paragraph">Timothy Snyders Reflexion „Über Tyrannei“ ist DAS Buch zur Stunde. Man hat das Gefühl, den Fahrplan für die Bombardierung ukrainischer Städte in den Händen zu halten als logische Konsequenz 22jähriger Gewaltherrschaft Wladimir Putins, die wir apathisch ignoriert haben. In „Zwanzig Lektionen für den Widerstand“ beschreibt der US-amerikanische Historiker knapp und eindringlich, wie totalitäre politische Regime errichtet werden, wie Politik durch Propaganda ersetzt, wie also Unterdrückung legitimiert wird und funktioniert, wie die Lüge als selbstverständliches Mittel des Machterhalts eingesetzt wird, wie Andersdenkende und -seiende weggesperrt oder gleich umgebracht werden, wie die freie Meinungsäußerung abgeschafft und wie vorauseilender Gehorsam in offenem Terror mündet. Seine Beispiele entnimmt er der blutigen europäischen Geschichte des 20. Jahrhunderts, vornehmlich dem 3. Reich und der Sowjetunion. Aber er zieht immer wieder hellsichtige Parallelen zur Gegenwart, zum zerstörerischen Donald Trump natürlich – und nicht zuletzt zu Putin!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mit seinen Beispielen fordert Snyder die Leser zu Reflexion, Misstrauen und Wachsamkeit auf, denn man muss immer das Schlimmste befürchten und letztlich den Mut haben, gegen den Strom zu schwimmen. Wie jene Journalistin, die im gleichgeschalteten russischen Staats-TV gegen den Krieg protestierte, wissend, dass ihr 15 Jahre Arbeitslager drohen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Snyders Traktat erschien erstmals 2017 als Menetekel für die Westentasche &#8211; im Jahr als Trump Präsident wurde. Schon damals war es als Warnung zu verstehen. Im Herbst letzten Jahres hat der Verlag nachgelegt und eine neue Auflage veröffentlicht. Sie kommt – auf den ersten Blick – wie eine „Geschenkausgabe“ daher, gestaltet von Nora Krug. Die deutsche, in New York lebende Illustratorin erregte 2018 mit „Heimat“ weltweit Aufsehen. Darin setzt sie sich in der Form einer Spurensuche grafisch-textlich mit der Vergangenheit ihrer Familie in Nazi-Deutschland, mit Verstrickung und Kollektivschuld auseinander. Dass sie Snyders Traktat illustriert, ist konsequent und folgerichtig. Im Grunde geht es nämlich um die gleiche Frage: Ab wann mache ich mich mitschuldig? Snyders Buch ist im besten Sinne aufklärerisch. Nora Krug hat daraus ein Gesamtkunstwerk gemacht. Nun kommen Snyders Reflexionen durchaus ohne Illustrationen aus. Krug baut jedoch mit ihrer umfassenden, collageartigen Gestaltung vor allem der Jugend eine Brücke: Also liebe Eltern, wenn ihr euren Sprösslingen erklären wollt, dass unsere Sicherheit eine trügerische ist, dass die Freiheit immer und überall verteidigt werden muss – dann legt ihnen „Über Tyrannei“ ans Herz! Denn wir müssen es wohl einsehen: Wir waren zu lange blind.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Timothy Snyder: Über Tyrannei. Illustriert von Nora Krug, Verlag C.H. Beck, München 2021, 128 S., 20 Euro</em></p>



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		<title>Die Grenzen der Freiheit</title>
		<link>https://literaturhauskassel.de/die-grenzen-der-freiheit/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[verwa]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 05 Mar 2022 08:15:30 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kassel liest]]></category>
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					<description><![CDATA[Arthur Koestlers Roman „Der Sklavenkrieg“, besprochen von Andreas Gebhardt.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="wp-block-paragraph"><strong>Arthur Koestlers Roman „Der Sklavenkrieg“, besprochen von Andreas Gebhardt.</strong></p>



<figure class="wp-block-image alignleft size-medium"><img loading="lazy" decoding="async" width="480" height="640" src="https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2022/03/Gladiatoren-480x640.jpg" alt="" class="wp-image-10637" srcset="https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2022/03/Gladiatoren-480x640.jpg 480w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2022/03/Gladiatoren-980x1306.jpg 980w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2022/03/Gladiatoren-200x267.jpg 200w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2022/03/Gladiatoren-768x1024.jpg 768w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2022/03/Gladiatoren.jpg 1000w" sizes="auto, (max-width: 480px) 100vw, 480px" /></figure>



<p class="wp-block-paragraph">Spartakus? Da dürften die meisten an Kirk Douglas und den gleichnamigen Monumentalfilm von Stanley Kubrick aus dem Jahr 1960 denken. Dann sind da noch einige, denen die Spartakus-Gruppe einfällt, deren Mitglieder Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg 1918 von Freischärlern in Berlin ermordet wurden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Roman „Die Gladiatoren“ von Arthur Koestler dürfte in diesem Zusammenhang den allerallerwenigsten in den Sinn kommen. Unter diesem Titel war das Buch 1948 erstmals auf Deutsch erschienen und zwar als Rückübersetzung aus dem Englischen, denn das deutsche Original war verschollen. Erst im März 2016 konnte ein unter dem Titel „Der Sklavenkrieg“ in einem Moskauer Archiv aufgetauchtes Typoskript als Urfassung des Romans identifiziert werden. Der Elsinor-Verlag hat diesen Originalroman im vergangenen Jahr neu herausgegeben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Koestler (1905 &#8211; 1983) erzählt die Geschichte des Gladiators Spartacus, der in der Gladiatorenschule eine Revolte anzettelt und sich mit seiner Gefolgschaft von Sklaven zunächst auf dem Vesuv verschanzt und von dort marodierend und plündernd durch Italien zieht, um mit seinem immer größer werdenden Heer von Unfreien dem römischen Imperium die Stirn zu bieten. Sie gründen den Sonnenstaat, um die Utopie der Freiheit zu leben, bevor Rom brutal zurückschlägt. Koestlers Spartacus ist ein Zweifelnder, einer der die Befreiung propagiert und immer wieder an die Grenzen der Freiheit gerät, nämlich immer dann, wenn er bei seiner Gefolgschaft Verrat und Illoyalität wittert und sich nicht scheut, brutale Kreuzigungsexempel zu statuieren. Natürlich wird auch er fett und träge und man erinnert sich sogleich an Orwells „Farm der Tiere“, in der die einst revolutionären Schweine ihre Ideale verraten und brutal die Macht missbrauchen, um an der Macht zu bleiben. Koestler, Journalist und Schriftsteller, war Mitglied der KPD, die er unter dem Eindruck des Massenmords der Moskauer Schauprozesse 1937/38 verließ. Vor diesem Hintergrund ist „Der Sklavenkrieg“ auch ein Roman der Desillusionierung, übrigens hinreißend erzählt und hervorragend ediert. Man sollte ihn zusammen mit <a href="https://vb-ks.de/kassel-liest/erstrangige-zeitdokumente/">„Sonnenfinsternis“</a> lesen, Koestlers Abrechnung mit dem Stalinismus. Auch hier war die deutsche Urfassung lange verschollen und nur in der Rückübersetzung greifbar, bevor der Elsinor-Verlag das Original herausgab. Wer weiß, welche Überraschungen uns bei Koestler noch erwarten.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Arthur Koestler: Der Sklavenkrieg. Roman. Elsinor 2021, 390 Seiten, 29 Euro.</em></p>



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