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	<title>verwa &#8211; Literaturhaus Kassel</title>
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	<title>verwa &#8211; Literaturhaus Kassel</title>
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		<title>Liebe Freundinnen und Freunde des Literaturhauses</title>
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		<dc:creator><![CDATA[verwa]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 25 Jul 2025 08:12:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[News]]></category>
		<category><![CDATA[newsstart]]></category>
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					<description><![CDATA[Hiermit eröffnen wir unseren News-Blog. denn es gibt ja immer mal wieder Anlässe, die keine Veranstaltungsankündigungen sind, die wir jedoch gerne mit Ihnen teilen möchten.]]></description>
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<p></p>



<p>Hiermit eröffnen wir unseren News-Blog. Denn es gibt ja immer mal wieder Anlässe, die keine Veranstaltungsankündigungen sind, die wir jedoch gerne mit Ihnen teilen möchten.</p>



<p>Dazu zählen etwa besondere Ereignisse aus dem Vereinsleben, herausragende Events, Berichte über unsere Veranstaltungen und manches mehr. </p>



<p>Zum Beispiel hat unlängst der Hessische Rundfunk in seiner <strong>Frühkritik</strong> sehr eindrücklich unsere Lesebühne besprochen. Das wollen wir Ihnen nicht vorenthalten.</p>



<p><strong>Die Frühkritik vom 18. Juli 2025 finden Sie hier:</strong></p>



<p><a href="https://www.hr2.de/podcasts/hr2-fruehkritik-kasseler-wundertuete--die-spaetlese-des-literaturhaus-kassel,audio-109626.html" target="_blank" rel="noreferrer noopener">hr2-Frühkritik: Kasseler Wundertüte | Die &#8222;Spätlese&#8220; des Literaturhaus Kassel &#8211; Audio | hr2.de | Podcasts</a></p>
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		<title>Gott ist Ungar</title>
		<link>https://literaturhauskassel.de/gott-ist-ungar/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[verwa]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 15 Apr 2023 08:16:06 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kassel liest]]></category>
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					<description><![CDATA[Andreas Gebhardt empfiehlt „Als Jesus in die Puszta kam“ von Gábor Fónya.]]></description>
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<p><strong><strong>Andreas Gebhardt empfiehlt „Als Jesus in die Puszta kam“ von Gábor Fónyad.</strong></strong></p>



<figure class="wp-block-image alignleft size-medium"><img fetchpriority="high" decoding="async" width="480" height="640" src="https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2023/04/Fonyad-480x640.jpg" alt="" class="wp-image-10663" srcset="https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2023/04/Fonyad-480x640.jpg 480w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2023/04/Fonyad-980x1306.jpg 980w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2023/04/Fonyad-200x267.jpg 200w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2023/04/Fonyad-768x1024.jpg 768w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2023/04/Fonyad-320x427.jpg 320w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2023/04/Fonyad-214x285.jpg 214w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2023/04/Fonyad.jpg 1000w" sizes="(max-width: 480px) 100vw, 480px" /></figure>



<p>Stellen Sie sich vor, Sie seien Jesus. Also nicht der Original-Jesus von damals, sondern quasi dessen Inkarnation im Hier und Jetzt. Kommen einige Typen auf Sie zu und behaupten das, scheinen felsenfest davon überzeugt und legen sogar „Beweise“ vor. Keine Frage, Sie sind verwundert, amüsiert und – natürlich – ungläubig. Aber Ihr Leben ist nun mal gerade etwas langweilig. Und da die Typen Sie zu sich nach Hause – einige 100 Kilometer entfernt – einladen und Ihnen so gleich das Zugticket aushändigen, nehmen Sie an. Aus reiner Neugierde und vielleicht auch, um dem trüben Dasein etwas Pfiff zu verleihen.</p>



<p>Diese Geschichte erzählt Gábor Fónyad in seinem amüsanten zweiten Roman „Als Jesus in die Puszta kam“. Fónyad (Jg. 1983), Sohn einer aus Ungarn stammenden Musiker- und Theologenfamilie, lebt in Österreich, hat Germanistik und Finno-Ugristik studiert. Er ist Lehrer in Niederösterreich und unterrichtet an der Wiener Universität. Gott ist in diesem komischen Roman Ungar, Sohn Jesus somit ebenfalls. Die Wiege des Christentums stand – ganz klar &#8211; in der platten Puszta. Die bizarre Sektierer-Truppe, die den Roman-Helden Ludwig Neustätter davon zu überzeugen versucht, der neue Messias zu sein, nennt sich die Urmagyaren. Leider dauert es eine Weile, bis der Ich-Erzähler kapiert, dass er lediglich der nützliche Trottel einer wohlkalkulierten Verschwörung ist. Als er merkt, dass sie ihn für dumm und dämlich verkaufen und er nur eine Marionette ist, da ist es leider schon zu spät und das Unheil nimmt seinen Lauf.</p>



<p>Fónyads Roman erschien im Corona-Jahr 2021 als wirre Theorien, Verschwörungsmythen, Hass und Hetze, Wahn und Glaube, Fake und Querdenken Hochkonjunktur hatten. Dass er das Geschehen nach Ungarn verlagert, ist durchaus pikant und als böser Seitenhieb auf das ultranationalistische und antidemokratische Orbán-Regime zu verstehen. Überhaupt nimmt er die Ungarn selbst aufs Korn, von denen wohl nicht wenige glauben, sie seien Auserwählte. „Als Jesus in die Puszta kam“ bringt den (Größen-)Wahn unserer Zeit nicht nur lustig, sondern auch spannend und nachdenklich auf den Punkt. Im Grunde schildert Fónyad, wie Totalitarismus entsteht. Leider bleibt die Gewissheit, dass die Realität viel schlimmer ist.</p>



<p><em><strong>Gábor Fónyad:</strong> Als Jesus in die Puszta kam. Elster &amp; Salis Wien 2021, 270 S., 24 Euro.</em></p>



<p></p>



<p></p>
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		<title>In Würde scheitern.</title>
		<link>https://literaturhauskassel.de/in-wuerde-scheitern/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[verwa]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 25 Feb 2023 08:16:05 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kassel liest]]></category>
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					<description><![CDATA[Daniele Dell’Agli über Thomas Metzingers „Bewusstseinskultur“.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p><strong><strong>Daniele Dell’Agli über Thomas Metzingers „Bewusstseinskultur“.</strong></strong></p>



<figure class="wp-block-image alignleft size-medium"><img decoding="async" width="480" height="654" src="https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2023/02/Metzinger-1000-480x654.jpg" alt="" class="wp-image-10661" srcset="https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2023/02/Metzinger-1000-480x654.jpg 480w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2023/02/Metzinger-1000-980x1335.jpg 980w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2023/02/Metzinger-1000-200x272.jpg 200w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2023/02/Metzinger-1000-768x1046.jpg 768w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2023/02/Metzinger-1000-320x436.jpg 320w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2023/02/Metzinger-1000.jpg 1000w" sizes="(max-width: 480px) 100vw, 480px" /></figure>



<p>Thomas Metzinger ist unter Deutschlands Philosophen derjenige, der sich am intensivsten mit den Neurowissenschaften und ihrem Beitrag zu einer Überprüfung traditioneller Theorien des menschlichen Geistes auseinandergesetzt hat. In seinem jüngsten Buch wechselt er allerdings das Genre und mischt sich direkt ein in die noch kaum begonnene Debatte um eine zureichende intellektuelle Durchdringung des weltgeschichtlich größten Menschheitsproblems, auch Klimawandel genannt. Der Autor bilanziert vorab die „planetare Krise“ und konstatiert angesichts unserer Jahrzehnte währenden Untätigkeit, ja unseres Unwillens, wirksame Maßnahmen zu ihrer Abwendung zu unternehmen, einen Mangel an „kultureller Kreativität“.&nbsp; „Leitbild“ für neue Handlungsnormen und einem entsprechenden kulturellen Kontext könnte etwas sein, dass er „Bewusstseinskultur“ nennt und deren Elemente er in seinem Buch vorstellt.</p>



<p>Ein Bewusstsein, das kommenden Herausforderungen gewachsen wäre, muss sich, Metzinger zufolge, zunächst einmal durch „intellektuelle Redlichkeit“ auszeichnen. Darunter versteht er „die Weigerung, sich selbst in die Tasche zu lügen.“ Das hört sich salopp an, bedeutet aber im Klartext, dass wir endlich anerkennen, dass „der menschliche Geist in der Klimakrise seinen Meister gefunden hat.“ Und dass wir erst „beginnen, die Gründe dafür langsam zu verstehen.“ Mit ihrem Zeitlupenverlauf, ihren Rückkopplungen und Kipppunkten sowie der schwer nachvollziehbaren „Trägheit der physikalischen Systeme“ ist der menschliche Geist schlicht überfordert. Hinzu kommt die jeweils individuelle Trägheit, die uns wider besseren Wissens an klimaschädlichen Gewohnheiten festhalten lässt und nicht zuletzt die Trägheit der politischen Systeme sowie der Gesellschaft insgesamt. Zum Verhängnis geworden ist uns nicht zuletzt die evolutionsbiologisch angelegte Neigung zu immer mehr Wachstum – mit einer entsprechenden funktionalen Architektur des Gehirns, die es erschwert, sich den veränderten Bedingungen zu stellen. „Wir müssen dringend herausfinden, wie plastisch unser Gehirn wirklich ist: wann öffnen sich im Lauf eines Lebens die Zeitfenster, in denen wir tatsächlich eine Veränderung bewirken können“? Auch dies, so Metzinger, eine Aufgabe für die von ihm angedachte Bewusstseinskultur.</p>



<p>Metzinger wendet sich gegen den wohlfeilen Zweckoptimismus, der uns weismachen will, mit neuen Technologien und einem lediglich umgesteuerten, „grünen“ Wachstum die Klimaziele erreichen zu können; er plädiert vielmehr für einen Realismus, der, ohne in defätistische Resignation zu verfallen, uns in die Lage versetzen soll, „in Würde zu scheitern“ und unsere Selbstachtung zurückzugewinnen. Dessen „Bewusstseinszustände“ speisen sich aus denkbar unterschiedlichen Quellen, die er im Verlauf des Buchs in ihrer historischen Genese erläutert. Das Spektrum reicht von wissenschaftlicher Rationalität angelsächsischer Provenienz bis zu „säkularer Spiritualität“, ich-befreiender Meditation und Erfahrungen mit psychoaktiven Substanzen. So unscharf das Profil einer neuen „Bewusstseinskultur“ bleibt, so klar wird ihre Dringlichkeit angemahnt, um den „psychologischen Kipppunkten“ die Stirn zu bieten, die der Autor für den Moment vorhersagt, wo dem irreversibel umkippenden Klima die Erkenntnis folgen wird, dass die bisherigen, wohlstandsverwöhnten Lebensformen nicht mehr zu halten sein werden. Metzinger nennt dies den „Panikpunkt“, auf den wir uns, da die Klimaziele auf keinen Fall einzuhalten sein werden, vorbereiten müssen, auch geistig. Metzinger geht es nicht darum, die Gehalte einer neuen Ethik der Selbstwahrnehmung zu definieren, er sondiert vielmehr die bewusstseinsphilosophischen Voraussetzungen der dringend gebotenen Metanoia. Für sein Projekt einer alternativen Bewusstseinskultur öffnet er den Raum ihrer phänomenalen Zustände für meditative und spirituelle Praktiken sowie für eine „psychonautische Pharmakologie“, von denen er sich einen „evidenzbasierten“, naturwissenschaftlich begründeten Zugang zur „Erfahrung des reinen Bewusstseins“ verspricht. Der Rezensent bleibt allerdings skeptisch, ob es reichen wird, Formen einer „nicht-dualen“, also weder selbst- noch gegenstandsbezogenen Achtsamkeit einzuüben, um dem narzisstischen Sog der Konsumgesellschaft zu entkommen. Aber Metzinger betont, dass sein Projekt offen angelegt ist für Präzisierungen, Korrekturen und Erweiterungen und er bietet genug anregende Argumente, es in Angriff zu nehmen.</p>



<p><em><strong>Thomas Metzinger, </strong>Bewusstseinskultur. Spiritualität, intellektuelle Redlichkeit und die planetare Krise. Berlin Verlag 2022, 204 S., 22 Euro.</em></p>



<p></p>



<p></p>
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		<item>
		<title>Gift und Galle.</title>
		<link>https://literaturhauskassel.de/gift-und-galle/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[verwa]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 14 Jan 2023 08:16:04 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kassel liest]]></category>
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					<description><![CDATA[Thomas Bündgen über Catharina Berents‘ Krimi „Wo die Wellen brechen.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p><strong>Thomas Bündgen über Catharina Berents‘ Krimi „Wo die Wellen brechen“.</strong></p>



<figure class="wp-block-image alignleft size-medium"><img decoding="async" width="480" height="640" src="https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2023/01/berents-480x640.jpg" alt="" class="wp-image-10659" srcset="https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2023/01/berents-scaled-480x640.jpg 480w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2023/01/berents-980x1307.jpg 980w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2023/01/berents-200x267.jpg 200w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2023/01/berents-768x1024.jpg 768w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2023/01/berents-1152x1536.jpg 1152w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2023/01/berents-1536x2048.jpg 1536w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2023/01/berents-scaled.jpg 1920w" sizes="(max-width: 480px) 100vw, 480px" /></figure>



<p>Catharina Berents ist Kunsthistorikerin mit Veröffentlichungen zur Geschichte des Designs, zur Art déco und anderen Themen. Hier legt sie ihren belletristischen Erstling vor, einen Kriminalroman. Damit wandelt sie auf den Pfaden des kürzlich verstorbenen Boris Meyn, seines Zeichens auch Kunsthistoriker, dessen Krimis u.a. in Ratzeburg (Schleswig-Holstein) spielen und dessen Ermittler Jensen im Namen von Berents‘ Hauptschauplatz zu Ehren kommt.</p>



<p>Dieser Krimi spielt in einem Wissenschaftsmuseum in Schleswig-Holstein, dem fiktivem Jensen Museum im ebenso fiktiven Kleefeld. Hier lässt sich leicht ein real existierendes Museum in einer Kleinstadt in Schleswig-Holstein erkennen, das bleibt beides aber unbenannt, um den Lesern nicht die Spurensuche zu verderben.</p>



<p>Die junge Museumsdirektorin Franziska de Beer gerät unversehens in einen Kriminalfall, der sich für sie als immer bedrohlicher herausstellt. Franziska, die dem Leser als eigentlich zu weltläufig und gebildet für die Kleinstadt präsentiert wird, fühlt sich doch aber zusehends wohl in der gutbürgerlich geordneten kleinen Stadt, auch weil sich für sie eine Romanze mit einem attraktiven Einheimischen entspinnt.</p>



<p>Der Kriminalfall allerdings bringt sie in Bedrängnis, ihr Assistent &#8211; ein Historiker, der sich auch Hoffnungen auf ihren Posten gemacht hatte, treibt tot im Wind-Wellen-Kanal, einem Hauptexponat des Museums. Franziska wird zunächst selbst verdächtigt, ihren Konkurrenten getötet zu haben.</p>



<p>Die Autorin nutzt die Institution des Museums, um Intrigen, Machenschaften und düstere Pläne in diesem Milieu darzustellen, welches sich die naiven Besucher doch frei davon erhoffen und doch wissen, dass auch hier alle menschlichen Eigenschaften zur Blüte kommen.</p>



<p>Die Krimihandlung wird durch Exkurse zur Geschichte und Kunst der Region sowie durch die Schilderung der Einbettung des Museums und seiner Mitarbeitenden in die lokale Kultur und Politik umkränzt.</p>



<p>Der Kriminalfall nimmt eine überraschende Wendung und weist in die deutsche Geschichte zurück, hier auf die Aktivitäten der Staatssicherheit der DDR auf westdeutschen Boden. Diese reichen ja bis in die Gegenwart hinein und kommen heute noch, z.B. im ambivalenten Verhältnis mancher Politiker zu Russland, zum Ausdruck. Querverbindungen werden im Text zu den Giftanschlägen russischer Geheimdienste in der Jetztzeit gezogen. Diese ganze Zeit bedarf der umfassenden historischen Analyse, aber die zeitliche Distanz ist für eine solche vermutlich noch nicht groß genug, so helfen uns zwischenzeitlich „Kriminalgeschichten&#8230;um zu erkennen, was, in moralischer Hinsicht, der Mensch eigentlich ist.“ (Arthur Schopenhauer)</p>



<p><em><strong>Catharina Berents: </strong>Wo die Wellen brechen. Emons Verlag, Köln 2022, 240 Seiten, 13,- €</em></p>



<p></p>



<p></p>
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			</item>
		<item>
		<title>Zwischen Pest und Cholera. Jahrhunderte Deutscher Geschichte.</title>
		<link>https://literaturhauskassel.de/zwischen-pest-und-cholera-jahrhunderte-deutscher-geschichte/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[verwa]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 10 Dec 2022 08:15:59 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kassel liest]]></category>
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					<description><![CDATA[Tobias Pohlmanns Thriller „Der Geistreisende“, vorgestellt von Thomas Bündgen.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p><strong>Tobias Pohlmanns Thriller „Der Geistreisende“, vorgestellt von Thomas Bündgen.</strong></p>



<figure class="wp-block-image alignleft size-medium"><img loading="lazy" decoding="async" width="480" height="640" src="https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2022/12/Pohlmann2-480x640.jpg" alt="" class="wp-image-10657" srcset="https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2022/12/Pohlmann2-scaled-480x640.jpg 480w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2022/12/Pohlmann2-980x1307.jpg 980w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2022/12/Pohlmann2-200x267.jpg 200w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2022/12/Pohlmann2-768x1024.jpg 768w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2022/12/Pohlmann2-1152x1536.jpg 1152w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2022/12/Pohlmann2-1536x2048.jpg 1536w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2022/12/Pohlmann2-scaled.jpg 1920w" sizes="auto, (max-width: 480px) 100vw, 480px" /></figure>



<p>Tobias Pohlmann hat an seinem Erstlingsroman viele Jahre gearbeitet, wie er selbst im Nachwort schreibt. Nun, gelungen ist ihm auf jeden Fall ein ungewöhnliches Buch, welches die Genres Thriller, Science-Fiction und historischer Roman sowie etliche kluge Ideen miteinander mischt.</p>



<p>Ausgehend von der technischen Möglichkeit der Zeitreise geht es hier um die Jagd nach einem Medikament über die Jahrhunderte hinweg. Die Handlung spielt in der Gegenwart, der Pestzeit des 14. Jahrhunderts, in der Nazizeit und in der DDR. Der Autor hat sich Zeitabschnitte ausgesucht, in denen man selber lieber nicht gelebt hätte, in denen die Handlung aber durch allerlei Widrigkeiten vorangetrieben werden kann. Das Buch ist handwerklich gut gemacht und ausgezeichnet recherchiert (man siehe hier nur einmal die Beschreibung des Umgangs mit einem Mikrofilmlesegerät). Auch der Einstiegsplot lässt nichts zu wünschen übrig, wenn der Hauptprotagonist (und auch die Hauptidentifikationsfigur) bereits relativ am Anfang in eine drastische, existenziell gefährliche Situation hineingeworfen wird.</p>



<p>&nbsp;Die Handlung ist sehr spannend, die klassischen „Thrill“-Elemente werden gut genutzt, gleichzeitig lernt man – so man denn will – etwas über die beschriebenen Zeitabschnitte, die z. T. nicht sehr geläufig sind, wie etwa die Kleinkriege im Harz der Pestzeit im Spätmittelalter. Wenn auch Nazizeit und DDR wesentlich präsenter im Bewusstsein der Leser sein dürften, gewinnt die Handlung hier ihre Dynamik durch die Perspektive des „Bösen“, die der Zeitreisende einzunehmen gezwungen ist.</p>



<p>Das Buch lässt sich auch als eine Metapher auf das Fortwirken und die Präsenz der Geschichte in der Gegenwart lesen, letztere wird einem bei der Lektüre immer angenehmer. Geübte Krimileser hätten sich vielleicht eine dynamischere Entwicklung der Personen gewünscht, bleiben diese doch in der normativen Disposition ihrer Ersteinführung stehen. Aber wer eine klare Orientierung hinsichtlich Gut und Böse schätzt, wird dieses nicht bemängeln. Die ungewöhnliche Mischung der Genres ist mutig und begrüßenswert, man würde sich öfter die Überschreitung der letztendlich immer willkürlicher erscheinenden Genregrenzen wünschen.</p>



<p><em><strong>Tobias Pohlmann</strong>: Der Geistreisende, Eigenverlag, Kassel 2022, 19,99 €</em></p>



<p></p>



<p></p>
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			</item>
		<item>
		<title>Vom Nutzen der Fiktion fürs Überleben</title>
		<link>https://literaturhauskassel.de/vom-nutzen-der-fiktion-fuers-ueberleben/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[verwa]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 16 Sep 2022 08:15:52 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kassel liest]]></category>
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					<description><![CDATA[Daniele Dell’Agli bespricht „Blackout von Denis Newiak.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p><strong>Daniele Dell’Agli bespricht „Blackout von Denis Newiak.</strong></p>



<figure class="wp-block-image alignleft size-medium"><img loading="lazy" decoding="async" width="480" height="579" src="https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2022/09/Newiak-480x579.jpg" alt="" class="wp-image-10655" srcset="https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2022/09/Newiak-scaled-480x579.jpg 480w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2022/09/Newiak-980x1182.jpg 980w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2022/09/Newiak-200x241.jpg 200w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2022/09/Newiak-768x926.jpg 768w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2022/09/Newiak-1273x1536.jpg 1273w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2022/09/Newiak-1698x2048.jpg 1698w" sizes="auto, (max-width: 480px) 100vw, 480px" /></figure>



<p>Kenner von Agentenfilmen dürften 2013 von den Enthüllungen Edward Snowdens nicht sonderlich überrascht gewesen sein, hatte doch Tony Scott in „Enemy of the State“ bereits 1998 das ganze Ausmaß der NSA-Überwachung und der dazu eingesetzten Technologien zum Gegenstand eines virtuosen Action-Reißers (mit Will Smith und Gene Hackman) gemacht. Dass die Drehbuchautoren solcher Genrefilme nicht nur in Hollywood über authentisches Insider-Wissen verfügen, gerät leicht über den Unterhaltungswert der Endprodukte in Vergessenheit und wird von der Kritik allenfalls am Rande oder indirekt mit einem Lob für die Stimmigkeit der Plots vermerkt.</p>



<p>Der Medienwissenschaftler Denis Newiak hat es sich demgegenüber zur Aufgabe gemacht, dieses Rezeptionsverhältnis umzukehren und dem impliziten Wissen von Filmen und Serien nachzuspüren sowie der Frage, was wir von ihnen lernen können. Er hat zu diesem Zweck ein Science-Fiction-Genre gewählt, das seit gut drei Jahrzehnten nicht zufällig eine steigende Konjunktur verzeichnet: das der fiktionalen Dystopien und ihrer düsteren Visionen vom Ende unserer Zivilisation. Und er hat im Subgenre des <em>Blackouts</em>, also der dramaturgischen Verarbeitung der, wie sich im Zuge seiner Untersuchung herausstellt, größten anzunehmenden Katastrophe, ein sowohl lohnendes als auch seit der Drosselung der russischen Gaslieferungen denkbar aktuelles Objekt gefunden.</p>



<p>„Stromleitungen sind die Blutgefäße der modernen Zivilisation, der durch sie fließende Strom der Lebenssaft aller modernen Einrichtungen – vom Wasserhahn über die automatisierte Börse bis zum Internet“, schreibt Newiak. „Mit einem flächendeckenden Stromausfall droht schnell ein Kollaps des gesamten modernen Lebens. Film und Fernsehen zeugen von dieser ständig präsenten, aber öffentlich und politisch unterschätzten Gefahr&#8230; In Filmen und Serien wird gezeigt, dass die moderne Gesellschaft als Ganzes wie auch die einzelnen Personen meist gänzlich unvorbereitet von dem flächendeckenden Stromausfall heimgesucht werden.“</p>



<p>Vorweg informiert Newiak in einem eigenen Kapitel über den Stand der Forschung zu den ganz realen „Stromkrisenszenarien und ihren Ursachen“ sowie der Mahnungen, endlich Vorsorge zu treffen, die bei der Politik bislang ähnlich ungehört verhallt sind wie seinerzeit die Expertengutachten zur Pandemie-Vorsorge. Was dem Autor Anlass gibt, abermals für den spielerischen Umgang dieser Problematik in den einschlägigen Fiktionen zu werben, die über Film und Fernsehen ein größeres Publikum erreichen als die sperrigen Abhandlungen der Fachliteratur.</p>



<p>Dazu führt Newiak eine beeindruckende Riege von Dutzenden Spielfilmen und mehr als ein halbes hundert Serien als Kronzeugen auf, die selbst Kennern der Materie jede Menge Neuentdeckungen bieten. Wollte man eine Quintessenz aus seinen Analysen ziehen, so wäre dies die, dass der Firnis der Humanität, wie wir sie kennen, unvorstellbar dünn ist. Unsere zivilisierten Umgangsformen einschließlich der sie garantierenden rechtsstaatlichen Ordnung hängen buchstäblich am Draht der Stromversorgung. Man kann sie zwar nicht darauf reduzieren, einzig Produkt jener komfortablen Lebensbedingungen zu sein, die erst durch die Elektrizität möglich geworden sind, aber ohne diese sind sie nicht oder nur noch kurze Zeit durchzuhalten.</p>



<p>Darum legt der Autor, der es sich nicht nehmen lässt, auf jeder Seite die Kernaussage des gerade Erläuterten separat fettgedruckt und eingerückt hervorzuheben, größten Wert auf die praktischen Erkenntnisse, die man aus der Beschäftigung mit dem Thema gewinnen kann (und die er eigens in der„Checkliste“ des Schlusskapitels, auflistet): „Wenn Blackout-Filme und -Serien eines verbindet, dann ist es das geteilte Bewusstsein dafür, dass Vorsorge im Kleinen wie im Großen vergleichsweise einfach&#8230; zu haben ist: Jede oder jeder Einzelne kann mit einem angemessenen Vorrat an Lebensmitteln, Wasser und Medikamenten, einem batteriegetriebenen Radio, einer Powerbank und einem Campingkocher leicht Vorbereitungen treffen, einen flächendeckenden Blackout besser durchzustehen&#8230;.“ Zweifellos kommt den fiktionalen Endzeitszenarien die zentrale mentalitätspsychologische Aufgabe zu, für die Möglichkeit zivilisatorischer Ausnahmesituationen zu sensibilisieren – was den täglichen Katastrophennachrichten, selbst solchen über Extremdürren, Jahrhundertfluten, Kernschmelzen oder Pandemien bekanntlich nicht gelingen will. Ob die meist drastisch ausgemalten Schreckensvisionen tatsächlich, wie Newiak hofft, als Warnungen verstanden und in entsprechenden Präventionsmaßnahmen umgesetzt werden, darf allerdings bezweifelt werden. Grundsätzlich stimmt zwar, dass „nur durch die Vergegenwärtigung, die Inszenierung des Weltrisikos die Zukunft der Katastrophe Gegenwart wird“ (Ulrich Beck); doch einen Großteil der Gruseleffekte selbst realistischer Darstellungen darf man getrost als Unterhaltungsdividende abschreiben, Lerneffekt gleich null. Aber vielleicht verschiebt sich der Aufmerksamkeitsfokus in die gewünschte Richtung gerade durch diese Veröffentlichung, der man vor allem unter Multiplikatoren in Medien und Feuilleton und natürlich in den dafür zuständigen Behörden und Ministerien möglichst viele Leser wünscht.</p>



<p><em><strong>Denis Newiak, </strong>Blackout. Nichts geht mehr. Wie wir uns mit Filmen und TV-Serien auf einen Stromausfall vorbereiten können. Schüren Verlag 2022, 230 Seiten, zahlreiche Abbildungen, 25 Euro.</em></p>



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		<title>Im MERZbau der Sprache</title>
		<link>https://literaturhauskassel.de/im-merzbau-der-sprache/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[verwa]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 23 Jul 2022 08:15:48 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kassel liest]]></category>
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					<description><![CDATA[Ulrike Draesners Roman „Schwitters“, vorgestellt von Andreas Gebhardt.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p><strong>Ulrike Draesners Roman „Schwitters“, vorgestellt von Andreas Gebhardt.</strong></p>



<figure class="wp-block-image alignleft size-medium"><img loading="lazy" decoding="async" width="480" height="620" src="https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2022/07/Schwitters-480x620.jpg" alt="" class="wp-image-10653" srcset="https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2022/07/Schwitters-480x620.jpg 480w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2022/07/Schwitters-200x258.jpg 200w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2022/07/Schwitters-768x992.jpg 768w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2022/07/Schwitters.jpg 800w" sizes="auto, (max-width: 480px) 100vw, 480px" /></figure>



<p>In meiner späten Jugend war ich glühender Schwitters-Fan, das kam so: In einer Anthologie las ich seine Groteske „Auguste“ Bolte. Dann entdeckte ich sein berühmtestes Gedicht und es war um mich geschehen: „Anna Blume, du tropfes Tier, ich liebe dir…“. Ich wollte sofort sein fünfbändiges Gesamtwerk haben, es war leider unbezahlbar, also entlieh ich es und tippte viele seiner Lautgedichte, Wort- und Sprachspiele mit der Schreibmaschine ab. Der frühe Kurt Schwitters der MERZ-Künstler, der Dadaist, der keiner sein wollte, der Sprachartist und Werbegrafiker, ist gut erforscht, vom späten weiß man eher weniger.</p>



<p>Das ist jetzt anders, nicht zuletzt dank Ulrike Draesners Roman. Sie wirft Schlaglichter auf sein spätes Leben. Schwitters war 49 Jahre, als er Anfang 1937 seine Heimatstadt Hannover verließ. Kunst oder Leben: das waren die Alternativen, die Nazis hatten ihn längst im Visier. Er ging mit seinem Sohn Ernst nach Norwegen, seine Frau Helma blieb in Hannover, wo eine Fliegerbombe sein Hauptwerk, den MERZbau, in Schutt und Asche legte. Von dort emigrierten er mit Ernst und dessen Freundin nach England. Zunächst lebte er in Lagern, dann in London, wo er sich in Edith Thomas, genannt „Wantee“, verliebte. Das Liebespaar übersiedelte 1945 aufs Land, nach Ambleside im Lake District. Hier arbeitete er manisch am MERZbarn, seiner zweiten begehbaren Plastik. 1948 starb Schwitters, schwer krank und entkräftet in Ambleside. Soweit einige äußere Daten.</p>



<p>Draesner gelingt das Kunststück, diesen späten Lebensabschnitt kunstvoll gestaltend zu erzählen, chronologisch zwar, aber stets schlaglichtartig collagierend. Die Materiallage ist ja dünn. Es existieren einige wenige Fotografien, im Exil verfasste er manchen Text auf Norwegisch und Englisch. Er musste sich verwandeln, die fremden Sprachen erschließen, sich aneignen und in diesen neu denken lernen. Draesner schildert das auf faszinierende Weise von „innen“ heraus, macht Schwitters Denken, seine Sprach-Kunst begreif- und nachvollziehbar. In Anlehnung an Arno Schmidt könnte man ihre Methode „längeres Gedankenspiel“ nennen. Und wie Schwitters spielt auch Draesner mit der Sprache, verdichtet, dehnt, assoziiert, kombiniert, collagiert und lauscht ihr genau. Sie, die ja auch eine Wanderin zwischen Deutsch und Englisch ist, klopft die Sprach(e)n auf ihre Bedeutungen ab, geht ihr (ihnen) auf den Grund, knetet sie unermüdlich. Schwitters tritt durch Draesners Sprachkunst aus dem Dunkel heraus und gewinnt Kontur. Ja, so könnte er gewesen sein, der „Körrt“. Aber vielleicht auch very different.</p>



<p>Am 10. November 2022 liest Ulrike Draesner auf Einladung des Literaturhaus Nordhessen im Staatstheater Kassel: www.literaturhaus-nordhessen.de</p>



<p><em><strong>Ulrike Draesner</strong>: Kurt Schwitters. Roman, Penguin-Verlag, 475 Seiten, 12 Euro.</em></p>



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		<title>Im besten Sinne aufklärerisch</title>
		<link>https://literaturhauskassel.de/im-besten-sinne-aufklaererisch/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[verwa]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 01 Jul 2022 08:15:47 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kassel liest]]></category>
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					<description><![CDATA[Andreas Gebhardt über „Rude Girl“ von Birgit Weyhe.]]></description>
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<p>Andreas Ge<strong>bhardt über „Rude Girl“ von Birgit Weyhe.</strong></p>



<figure class="wp-block-image alignleft size-medium"><img loading="lazy" decoding="async" width="480" height="573" src="https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2022/06/Weyhe-480x573.jpg" alt="" class="wp-image-10651" srcset="https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2022/06/Weyhe-480x573.jpg 480w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2022/06/Weyhe-200x239.jpg 200w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2022/06/Weyhe.jpg 500w" sizes="auto, (max-width: 480px) 100vw, 480px" /></figure>



<p>Aus der Masse der Comic-Biografien ragt das neueste Opus der Hamburger Zeichenkünstlerin Birgit Weyhe beeindruckend heraus. Zum einen hat sie keine historische Person ausgewählt, deren Jubiläum gerade oder in absehbarer Zeit gefeiert wird, der also eine gewisse (kommerzielle) Aufmerksamkeit sicher ist. Zum anderen begegnet sie ihrem (unbekanntem) Sujet nicht als allwissende Interpretin, sondern als Suchende, die ihr Tun hinterfragt und auf den Prüfstand stellt. Dadurch gerät ihr Porträt der afroamerikanischen Germanistik-Professorin Priscilla Layne zu einer persönlichen Auseinandersetzung und zu einer anregenden Lektüre, die einen Erkenntnisprozess in Gang setzt.</p>



<p>Weyhe, die bereits zu Gast beim „Festival Grafisches Erzählen“ in Kassel war, lernt Layne im Rahmen eines Austauschprogramms an einem US-College kennen. Sie fremdelt mit dem Land, aber Gespräche mit Layne öffnen ihr allmählich die Augen in Bezug auf kulturelle Differenzen und Denkweisen. Laynes Eltern stammen aus der Karibik, ihre Mutter zieht sie alleine groß. Man nennt sie – nach den beliebten Keksen – abwertend eine „Oreo“, schwarze Hülle, weißer Kern. Sie sitzt also zwischen den Stühlen, muss ihre Stellung finden in der Gemengelage von geschlechtlicher Identität, ethnischer Herkunft (Rasse/Race) und sozialer Zugehörigkeit (Class/Klasse). Sie wird als Kind von einem Verwandten missbraucht und muss schmerzlich erfahren, dass ihre Familie darüber den Mantel des Schweigens breitet, um den Täter zu schützen. Sie lernt Musik zu lieben, lernt Deutsch. Sie schließt sich – bewusste Entscheidung und Befreiungsschlag – den linken Skinheads an, den Sharps, die jede Form von Rassismus ablehnen, dafür Stolz sind auf ihre Herkunft aus der Arbeiterklasse. Mit ihrem ausgeprägten Eigensinn brüskiert sie ihre Umwelt, daher der Titel: „Rude Girl“. Es geht also um Erwachsenwerdung, Gewalt, Schmerz, Auflehnung, Akzeptanz. Bewusstseinsbildung, Identität. </p>



<p>Weyhe hat eine unverwechselbare Bildsprache gefunden. Sie erzählt die Geschichte der Priscilla Layne in stilisierten und manchmal expressiven Panels. So gelingt ihr, die äußere und innerer Welt ihrer Protagonistin darzustellen. Das geschieht chronologisch, nicht linear. Denn nach jedem Abschnitt unterbricht sie und schaltet eine Reflexionsebene ein, indem sie die „gegenwärtige“ Layne auftreten lässt, die das bis dahin von Weyhe Geschilderte hinterfragt und z. T. behutsam korrigiert, etwa in der Farbwahl oder in der Darstellung von Personen. So findet ein nachvollziehbarer ständiger Annäherungsprozess zwischen der Comic-Künstlerin bzw. ihrer Arbeit und der jungen Germanistik-Professorin statt. Und dieser ist im besten Sinne aufklärerisch.</p>



<p><em><strong>Birgit Weyhe</strong>: Rude Girl. Avant-Verlag 2022, 312 Seiten, 26 Euro.</em></p>



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		<title>Sternenseher – Zeitenmesser</title>
		<link>https://literaturhauskassel.de/sternenseher-zeitenmesser/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[verwa]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 11 Jun 2022 08:15:47 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kassel liest]]></category>
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					<description><![CDATA[Ingrid Rosenberg-Harbaum bespricht „Die Dame mit der bemalten Hand“ von Christine Wunnicke.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p><strong>Ingrid Rosenberg-Harbaum bespricht „Die Dame mit der bemalten Hand“ von Christine Wunnicke.</strong></p>



<figure class="wp-block-image alignleft size-medium"><img loading="lazy" decoding="async" width="480" height="652" src="https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2022/06/Wunnicke-480x652.jpg" alt="" class="wp-image-10649" srcset="https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2022/06/Wunnicke-480x652.jpg 480w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2022/06/Wunnicke-200x272.jpg 200w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2022/06/Wunnicke-768x1044.jpg 768w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2022/06/Wunnicke.jpg 894w" sizes="auto, (max-width: 480px) 100vw, 480px" /></figure>



<p>Auf Initiative des Göttinger Orientalisten Johann David Michaelis entsandte im Jahr 1761 der König von Dänemark die erste große europäische Forschungs-Expedition nach Arabien. Von den sechs Teilnehmern überlebte allein Carsten Niebuhr (1733 – 1815) die Reise, deren Sinn und Zweck unter anderem darin lag, den Wahrheitsgehalt biblischer Texte empirisch zu überprüfen. Mit einem umfangreichen Fragenkatalog ihrer Professoren im Gepäck schickten die Wissenschaftler auf ihrem Weg in den Jemen aus Ägypten mehrere Mumien nach Kopenhagen, von wo aus 1781 eine nach Göttingen entsandt, mit modern anmutenden interdisziplinären Untersuchungen vermessen und im Academischen Museum ausgestellt wurde. Noch heute wird sie als Artefakt im anthropologischen Institut der Universität aufbewahrt.</p>



<p>In der Fiktion trifft der weise Sternenkundige und Astrolabienbauer Musa al-Lahuri mit seinem Diener Malik bei einem Zwangsaufenthalt wegen Flaute auf der Insel Gharapuri oder Elephanta vor der Küste von Mumbay auf das vom Wege abgekommene Vermessungsgenie der Orient-Expedition Carsten Niebuhr. Wenn auf der unwirtlichen Insel die griechisch-europäische Wissenschaft, einschließlich der rationalistischen und empiriebesessenen Göttinger Theologie, und die iranisch-indisch-arabische Wissenschaft der Astronomie, Mathematik und Geodäsie aufeinanderstoßen, spielt im Gegensatz Ost-West das Sternbild der Kassiopeia eine zentrale Rolle. Seit jeher haben Menschen versucht, sich auf der Erde zu orientieren und nutzten die Sterne zur Navigation. Aber jede Kultur liest etwas Anderes aus den Sternen heraus, weil sie sich dabei jedes Mal auch selbst am Nachthimmel wiederfindet. Nicht selten sich hochkomisch missverstehend sprechen die beiden praxiserprobten Wissenschaftler Arabisch miteinander, wobei der sich in vielen Sprachen bewanderte Perser unermüdlich dem Erzählen von Geschichten widmet, und der auf sein Fach spezialisierte Europäer der Aufklärung norddeutsch wortkarg Fragen stellt oder nachdenklich schweigt. Die zunehmend zugleich verständnislosen wie verständnisinnigen Dialoge zwischen Meister Musa und dem vom Fieber gebeutelten Niebuhr erweisen sich als lebensrettend und bringen Tiefe und Kurzweil in den Roman. Dabei sollte Niebuhrs Fazit „Wir glotzen alle in denselben Himmel“ nicht sein letztes Wort sein. Er veröffentlichte in drei Bänden 1772 bzw. 1774/78 einen ausführlichen Bericht seiner abenteuerlichen Reise, der in mehrere Sprachen übersetzt zu den bekanntesten Dokumenten der Reiseliteratur des 18. Jahrhunderts gehört. Mit historischen Fakten als Kettfäden webt Christine Wunnicke vielschichtig wunderbar schillernde Literatur, die mit viel Witz Wissenschaftsgeschichte poetisch erzählt und 2020 mit dem Wilhelm-Raabe-Literaturpreis ausgezeichnet wurde.</p>



<p><em><strong>Christine Wunnicke</strong>: Die Dame mit der bemalten Hand. Berenberg, Berlin. 4. Auflage im September 2020. 165 Seiten, 22 Euro.</em></p>



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		<title>Stasi-Spionage und Graphologie</title>
		<link>https://literaturhauskassel.de/stasi-spionage-und-graphologie/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[verwa]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 14 May 2022 08:15:41 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kassel liest]]></category>
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					<description><![CDATA[Thomas Bündgen über „Die Diplomatenallee“ von Annette Wieners.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p><strong>Thomas Bündgen über „Die Diplomatenallee“ von Annette Wieners.</strong></p>



<figure class="wp-block-image alignleft size-medium"><img loading="lazy" decoding="async" width="480" height="588" src="https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2022/05/Foto-Diplomatenallee-480x588.jpg" alt="" class="wp-image-10645" srcset="https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2022/05/Foto-Diplomatenallee-scaled-480x588.jpg 480w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2022/05/Foto-Diplomatenallee-980x1200.jpg 980w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2022/05/Foto-Diplomatenallee-200x245.jpg 200w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2022/05/Foto-Diplomatenallee-768x940.jpg 768w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2022/05/Foto-Diplomatenallee-1255x1536.jpg 1255w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2022/05/Foto-Diplomatenallee-1673x2048.jpg 1673w" sizes="auto, (max-width: 480px) 100vw, 480px" /></figure>



<p>Annette Wieners widmet sich in ihrem neuesten Roman „Die Diplomatenallee“ zwei Themen, die weitestgehend aus dem Fokus der Öffentlichkeit verschwunden sind, das eine zu Recht, das andere bedauerlicherweise.</p>



<p>Die Graphologie spielt in diesem Roman eine große Rolle, jene psychodiagnostische Methode, von der man in Deutschland – zumindest in den 1950er und 60er Jahren – wahre Wunderdinge im Rückschluss von der Handschrift auf den Charakter einer Person erwartete, und die heute als diagnostische Methode nur noch ein Nischendasein fristet, weil sich ihre Ergebnisse nicht validieren ließen.</p>



<p>Das andere große Thema dieses Buches ist die Spionagetätigkeit, die durch das Ministerium für Staatssicherheit der DDR auf dem Gebiet der Bundesrepublik ausgeübt wurde. Man weiß heute, dass die DDR wahrscheinlich Tausende von informellen Mitarbeitern und sonstigen Spionen in allen wichtigen Bereichen der Bundesrepublik installiert hatte, von denen bis heute nur wenige enttarnt worden sind. Als Beispiel sei hier nur einmal der frühere Vorsitzende des VS Deutschland, Bernt Engelmann, genannt, der lange Zeit für die Stasi als IM tätig gewesen sein soll und zum Beispiel gegen die NATO agitiert hat.</p>



<p>Anhand der Stichworte der Person des Historikers Hubertus Knabe und der Rosenholz-Dateien sei hier nur weiterer Forschungsbedarf genannt.</p>



<p>Diese beiden Themen der Graphologie und der Spionage der Stasi in der Bundesrepublik werden in der gut recherchierten und sprachlich der Zeit angepassten Geschichte geschickt miteinander verknüpft, die im Umfeld der Eröffnung der ständigen Vertretung der DDR im Jahr 1974 in Bonn spielt. Das Buch changiert zwischen den Genres der Spionagegeschichte und des Entwicklungsromans. Für einen Thriller ist es allerdings leider nicht aktionsgeladen genug, und für einen Entwicklungsroman wirken die Figuren zu konstruiert.</p>



<p>Wenn es den Leserinnen und Lesern nicht gelingt, die Hauptprotagonistin &#8211; eine Ladenbesitzerin und Hausfrau mit zwei Kindern und Graphologiestudium &#8211; als Identifikationsfigur zu nutzen, ist die Lektüre des Buches mühsam.</p>



<p>Das liegt vor allem &#8211; zumindest für den Rezensenten &#8211; an dem zu intensiv eingesetzten Stilmittel des inneren Monologs, in dem unzählige Fragesätze aneinander gereiht werden um den Ängsten, der Unsicherheit und den Sorgen der Hauptfiguren Ausdruck zu geben. Dieses Stilmittel füllt leider den Raum der Imagination der Leserinnen und Leser weitest-gehend aus. Es wäre diesem Buch zusätzlich besser bekommen, wenn es auch für männliche Leser eine Identifikationsfigur geben würde (Ehemann Peter und Professor Buttermann taugen dazu wahrlich nicht) und wenn es sich stärker (nicht vollständig) an dem Genre des Thrillers orientiert hätte.</p>



<p><em><strong>Annette Wieners</strong>: Die Diplomatenallee. Blanvalet 2022, 448 Seiten, 22 Euro</em></p>



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		<title>Das Leben ändert sich in einem Augenblick</title>
		<link>https://literaturhauskassel.de/das-leben-aendert-sich-in-einem-augenblick/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[verwa]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 30 Apr 2022 08:15:37 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kassel liest]]></category>
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					<description><![CDATA[Christa Müller über „Das Jahr magischen Denkens“ von Joan Didion.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p><strong>Christa Müller über „Das Jahr magischen Denkens“ von Joan Didion</strong></p>



<figure class="wp-block-image alignleft size-medium"><img loading="lazy" decoding="async" width="480" height="492" src="https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2022/05/Didion-480x492.jpg" alt="" class="wp-image-10643" srcset="https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2022/05/Didion-480x492.jpg 480w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2022/05/Didion-980x1005.jpg 980w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2022/05/Didion-200x205.jpg 200w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2022/05/Didion-768x787.jpg 768w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2022/05/Didion-1498x1536.jpg 1498w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2022/05/Didion-1998x2048.jpg 1998w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2022/05/Didion.jpg 2032w" sizes="auto, (max-width: 480px) 100vw, 480px" /></figure>



<p>So beginnt der schonungslose, aber niemals wehleidige Bericht der amerikanischen Schriftstellerin Joan Didion, den sie nach dem Herztod ihres Mannes im Dezember 2003 beginnt und ein Jahr später beendet. Auch die Tochter war Ende 2003 schwer erkrankt.</p>



<p>Die endlose Abwesenheit des geliebten Mannes nach 40 gemeinsamen Jahren sei mit keiner anderen Erfahrung vergleichbar, schreibt sie. In Wellen verursache das Leid Gefühle der Sinnlosigkeit, Übelkeit und Leere &#8211;&nbsp; trotz des geduldigen Zuhörens derer, die auch etwas verloren haben: einen Freund.</p>



<p>Überall lauern Fallen, die Joan Didion in einen Strudel aus Erinnerungsfragmenten, Ahnungen, nicht entschlüsselter Botschaften und vermeintlichen Versäumnissen hineinziehen. Sie bietet alles auf, was mittels Information eine fragile Kontrolle über das Unkontrollierbare verspricht, bemüht die Psychologie, die griechische Mythologie, die Religion, Physik, Medizin, Poesie…</p>



<p>Die Konzentration auf die Erfordernisse des Alltags, eine Struktur und vernünftige Ordnung einzuhalten, scheint mehr und mehr zu gelingen, auch hilfreich zu sein gegen Leid. Doch vor Abstürzen in Widersprüchlichkeit schützt das nicht: Obwohl sie nicht an Wiederauferstehung glaubt, kann sie seine Schuhe nicht weggeben, weil „…er sie doch braucht, wenn er wiederkommt.“</p>



<p>Viele Monate lässt sie die Zeit rückwärtslaufen, verweilt an der Schwelle seines Todes, widmet der Trauer ihre Konzentration. Der Todestag jährt sich. Den Tag danach, im vorangegangenen Jahr, hat ihr Mann John schon nicht mehr erlebt. Und die Veränderungen seitdem. Loslassen, eine Notwendigkeit oder ein Verrat? Joan Didion verwebt Rückblicke, Beobachtungen, Recherche und Fakten zu einem bewegenden Ganzen, dem Leser gut folgen können. „Das Jahr des magischen Denkens“ hat nichts gemein mit Ratgeberbüchern! Es bietet aber all denen, die sich mit dem Tod auseinandersetzen wollen oder einen nahen Angehörigen verloren haben, einen Rahmen, ihre Gedanken aufzuarbeiten. Joan Didion starb am 23.12.2021. Einen Tag nach meinem Mann.</p>



<p><strong>J</strong><em><strong>oan Didion</strong>: Das Jahr magischen Denkens, aus dem Englischen von Antje Strubel. Ullstein 2021, 12.00€</em></p>



<p></p>



<p></p>
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			</item>
		<item>
		<title>Lust am Denken</title>
		<link>https://literaturhauskassel.de/lust-am-denken/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[verwa]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 02 Apr 2022 08:15:35 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kassel liest]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://literaturhauskassel.de/lust-am-denken/</guid>

					<description><![CDATA[Daniele Dell’Agli über „Alle Lust will Ewigkeit“ von Konrad Paul Liessmann.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p><strong>Daniele Dell’Agli über „Alle Lust will Ewigkeit“ von Konrad Paul Liessmann</strong></p>



<figure class="wp-block-image alignleft size-medium"><img loading="lazy" decoding="async" width="480" height="535" src="https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2022/03/Liessmann-480x535.jpg" alt="" class="wp-image-10641" srcset="https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2022/03/Liessmann-480x535.jpg 480w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2022/03/Liessmann-980x1093.jpg 980w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2022/03/Liessmann-200x223.jpg 200w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2022/03/Liessmann-768x856.jpg 768w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2022/03/Liessmann.jpg 1000w" sizes="auto, (max-width: 480px) 100vw, 480px" /></figure>



<p>Konrad Paul Liessmann ist dafür bekannt, sich gern in aktuelle Debatten einzumischen und unbequeme Positionsbestimmungen wider den Zeitgeist nicht zu scheuen. Ihm verdanken wir unter anderem die scharfsinnigste Abrechnung mit jener doppelten Zerstörung unseres Bildungssystems, die unter den Decknamen „Pisa“ und „Bologna“ und zur Schande dieser altehrwürdigen Universitätsstädte in die Geschichte eingegangen ist (<em>Theorie der Unbildung</em>, 2006).</p>



<p>Nun hat der Wiener Professor für Philosophie den coronabedingten Hausarrest samt Arretierung eines Teils der universitären Verpflichtungen genutzt, um sich in Nietzsches vielzitiertes und mehrfach, unter anderem von Gustav Mahler vertontes Gedicht aus <em>Also sprach Zarathustra</em> „Oh Mensch! Gieb Acht!“, auch bekannt als <em>Mitternachtslied</em> zu vertiefen, dessen Zeile „Doch alle Lust will Ewigkeit“ zum geflügelten Wort wurde und dem Buch als Titel dient. Jedem Vers hat der Autor ein Kapitel gewidmet, jedes Wort mit Überlegungen bedacht, die weit über das in philologischen Interpretationen Übliche hinausgehen.</p>



<p>Was Liessmann auf über 300 Seiten vorführt, ist eine wahre Lust am Inter-, Sub- und Paratext, eine Feier des ebenso gelehrten wie scharsinnigen Assoziierens, das in jedem Molekül von Nietzsches Gedicht – vom „Oh“ des Anfangs bis zum „Zwölf“ des Endes – zweieinhalb Jahrtausende sedimentierter Literatur-, Geistes- und Mentalitätsgeschichte schürft und in ständig wechselnden Perspektiven den ganzen neoheidnischen Kosmos jener subversiven Aufmischung der großen Themen abendländischer Selbstverständigung konfiguriert, für die der Name Nietzsches steht.</p>



<p>Dem Sog von Liessmanns unerschöpflicher Assoziationsfreude folgend gibt man gern der Versuchung nach, selbst sattsam bekannte Passagen aus Nietzsches Werken wieder zu lesen. Zwar ist Liessmanns obsessives Close Reading des <em>Mitternachtslieds</em> keine Einführung in Nietzsches Werk, das es in der suggerierten Einheit und Geschlossenheit dieses Begriffs ohnehin nicht gibt, doch auf jeden Fall macht es mit den wichtigsten Motiven von <em>Also sprach Zarathustra</em> auf eine Weise vertraut, die über das nach wie vor unausgeschöpfte Potential ihrer Aktualisierung staunen lässt.</p>



<p>Das wirkt manchmal etwas forciert, etwa wenn ihn das mitternächtliche Selbstgespräch – „Was spricht die tiefe Mitternacht?“ – zunächst noch plausibel, wenn auch nicht zwingend, zu Zarathustras Frage nach den „Herren der Erde“ führt, um dessen Verfasser sodann umstandslos zum „Vordenker des Anthropozän“ zu küren. Doch wenn die dritte Zeile („Ich schlief, ich schlief“) den Autor zu einer veritablen Anthropologie des Schlafs im Dialog mit Freud und Günter Anders inspiriert, wird man überrascht von der entlang von <em>Zarathustra</em>-Aphorismen vorbereiteten Antwort (die nicht verraten werden soll) auf die Frage, was denn ein guter Schlaf mit dem (Un-)Sinn des Lebens zu tun hat. Die Exkurse zur anschließenden vierten Verszeile („Aus tiefem Traum bin ich erwacht“) wiederum bieten eine philosophische Traumtheorie, wie man sie so konzis und facettenreich auf zwanzig Seiten nicht nur in der Nietzsche-Literatur vergeblich sucht. Und so lässt Liessmann auch die anderen polaren Kategorien: Welt und Mensch, Lust und Schmerz, Tag und Nacht, die helle und die dunkle Seite unserer Existenz durch das Infrarotlicht von Nietzsches mitternächtlichen Denkens in ihrer ganzen schillernden Ambivalenz aufleuchten, denn nicht der Tag, „die Nacht ist der Ort der tiefen Erkenntnis“. Zum Beispiel jener, dass Glück und Unglück zusammengehören wie Tag und Nacht und die mimosenhaft-narzisstische Unglücksvermeidung unserer Achtsamkeitskulte zum Scheitern verurteilt ist. Überhaupt kann man dieses Buch genauso gut als eine durch Nietzsches gnadenlose Hellsichtigkeit geschärfte philosophische Zeitdiagnose lesen und so die kleine Ewigkeit dieser Lektüre noch lange in sich nachhallen lassen.</p>



<p><em>Konrad Paul Liessmann, Alle Lust will Ewigkeit. Mitternächtliche Versuchungen. Zsolnay 2021, 317 S., 26 Euro.</em></p>



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		<title>Zu lange blind gewesen</title>
		<link>https://literaturhauskassel.de/zu-lange-blind-gewesen/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[verwa]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 19 Mar 2022 08:15:34 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kassel liest]]></category>
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					<description><![CDATA[Andreas Gebhardt empfiehlt „Über Tyrannei“ von Timothy Snyder.]]></description>
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<p><strong>Andreas Gebhardt empfiehlt „Über Tyrannei“ von Timothy Snyder.</strong></p>



<figure class="wp-block-image alignleft size-medium"><img loading="lazy" decoding="async" width="480" height="543" src="https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2022/03/Snyder-480x543.jpg" alt="" class="wp-image-10639" srcset="https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2022/03/Snyder-scaled-480x543.jpg 480w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2022/03/Snyder-980x1108.jpg 980w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2022/03/Snyder-200x226.jpg 200w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2022/03/Snyder-768x869.jpg 768w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2022/03/Snyder-1358x1536.jpg 1358w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2022/03/Snyder-1811x2048.jpg 1811w" sizes="auto, (max-width: 480px) 100vw, 480px" /></figure>



<p>Timothy Snyders Reflexion „Über Tyrannei“ ist DAS Buch zur Stunde. Man hat das Gefühl, den Fahrplan für die Bombardierung ukrainischer Städte in den Händen zu halten als logische Konsequenz 22jähriger Gewaltherrschaft Wladimir Putins, die wir apathisch ignoriert haben. In „Zwanzig Lektionen für den Widerstand“ beschreibt der US-amerikanische Historiker knapp und eindringlich, wie totalitäre politische Regime errichtet werden, wie Politik durch Propaganda ersetzt, wie also Unterdrückung legitimiert wird und funktioniert, wie die Lüge als selbstverständliches Mittel des Machterhalts eingesetzt wird, wie Andersdenkende und -seiende weggesperrt oder gleich umgebracht werden, wie die freie Meinungsäußerung abgeschafft und wie vorauseilender Gehorsam in offenem Terror mündet. Seine Beispiele entnimmt er der blutigen europäischen Geschichte des 20. Jahrhunderts, vornehmlich dem 3. Reich und der Sowjetunion. Aber er zieht immer wieder hellsichtige Parallelen zur Gegenwart, zum zerstörerischen Donald Trump natürlich – und nicht zuletzt zu Putin!</p>



<p>Mit seinen Beispielen fordert Snyder die Leser zu Reflexion, Misstrauen und Wachsamkeit auf, denn man muss immer das Schlimmste befürchten und letztlich den Mut haben, gegen den Strom zu schwimmen. Wie jene Journalistin, die im gleichgeschalteten russischen Staats-TV gegen den Krieg protestierte, wissend, dass ihr 15 Jahre Arbeitslager drohen.</p>



<p>Snyders Traktat erschien erstmals 2017 als Menetekel für die Westentasche &#8211; im Jahr als Trump Präsident wurde. Schon damals war es als Warnung zu verstehen. Im Herbst letzten Jahres hat der Verlag nachgelegt und eine neue Auflage veröffentlicht. Sie kommt – auf den ersten Blick – wie eine „Geschenkausgabe“ daher, gestaltet von Nora Krug. Die deutsche, in New York lebende Illustratorin erregte 2018 mit „Heimat“ weltweit Aufsehen. Darin setzt sie sich in der Form einer Spurensuche grafisch-textlich mit der Vergangenheit ihrer Familie in Nazi-Deutschland, mit Verstrickung und Kollektivschuld auseinander. Dass sie Snyders Traktat illustriert, ist konsequent und folgerichtig. Im Grunde geht es nämlich um die gleiche Frage: Ab wann mache ich mich mitschuldig? Snyders Buch ist im besten Sinne aufklärerisch. Nora Krug hat daraus ein Gesamtkunstwerk gemacht. Nun kommen Snyders Reflexionen durchaus ohne Illustrationen aus. Krug baut jedoch mit ihrer umfassenden, collageartigen Gestaltung vor allem der Jugend eine Brücke: Also liebe Eltern, wenn ihr euren Sprösslingen erklären wollt, dass unsere Sicherheit eine trügerische ist, dass die Freiheit immer und überall verteidigt werden muss – dann legt ihnen „Über Tyrannei“ ans Herz! Denn wir müssen es wohl einsehen: Wir waren zu lange blind.</p>



<p><em>Timothy Snyder: Über Tyrannei. Illustriert von Nora Krug, Verlag C.H. Beck, München 2021, 128 S., 20 Euro</em></p>



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		<title>Die Grenzen der Freiheit</title>
		<link>https://literaturhauskassel.de/die-grenzen-der-freiheit/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[verwa]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 05 Mar 2022 08:15:30 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kassel liest]]></category>
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					<description><![CDATA[Arthur Koestlers Roman „Der Sklavenkrieg“, besprochen von Andreas Gebhardt.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p><strong>Arthur Koestlers Roman „Der Sklavenkrieg“, besprochen von Andreas Gebhardt.</strong></p>



<figure class="wp-block-image alignleft size-medium"><img loading="lazy" decoding="async" width="480" height="640" src="https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2022/03/Gladiatoren-480x640.jpg" alt="" class="wp-image-10637" srcset="https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2022/03/Gladiatoren-480x640.jpg 480w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2022/03/Gladiatoren-980x1306.jpg 980w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2022/03/Gladiatoren-200x267.jpg 200w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2022/03/Gladiatoren-768x1024.jpg 768w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2022/03/Gladiatoren.jpg 1000w" sizes="auto, (max-width: 480px) 100vw, 480px" /></figure>



<p>Spartakus? Da dürften die meisten an Kirk Douglas und den gleichnamigen Monumentalfilm von Stanley Kubrick aus dem Jahr 1960 denken. Dann sind da noch einige, denen die Spartakus-Gruppe einfällt, deren Mitglieder Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg 1918 von Freischärlern in Berlin ermordet wurden.</p>



<p>Der Roman „Die Gladiatoren“ von Arthur Koestler dürfte in diesem Zusammenhang den allerallerwenigsten in den Sinn kommen. Unter diesem Titel war das Buch 1948 erstmals auf Deutsch erschienen und zwar als Rückübersetzung aus dem Englischen, denn das deutsche Original war verschollen. Erst im März 2016 konnte ein unter dem Titel „Der Sklavenkrieg“ in einem Moskauer Archiv aufgetauchtes Typoskript als Urfassung des Romans identifiziert werden. Der Elsinor-Verlag hat diesen Originalroman im vergangenen Jahr neu herausgegeben.</p>



<p>Koestler (1905 &#8211; 1983) erzählt die Geschichte des Gladiators Spartacus, der in der Gladiatorenschule eine Revolte anzettelt und sich mit seiner Gefolgschaft von Sklaven zunächst auf dem Vesuv verschanzt und von dort marodierend und plündernd durch Italien zieht, um mit seinem immer größer werdenden Heer von Unfreien dem römischen Imperium die Stirn zu bieten. Sie gründen den Sonnenstaat, um die Utopie der Freiheit zu leben, bevor Rom brutal zurückschlägt. Koestlers Spartacus ist ein Zweifelnder, einer der die Befreiung propagiert und immer wieder an die Grenzen der Freiheit gerät, nämlich immer dann, wenn er bei seiner Gefolgschaft Verrat und Illoyalität wittert und sich nicht scheut, brutale Kreuzigungsexempel zu statuieren. Natürlich wird auch er fett und träge und man erinnert sich sogleich an Orwells „Farm der Tiere“, in der die einst revolutionären Schweine ihre Ideale verraten und brutal die Macht missbrauchen, um an der Macht zu bleiben. Koestler, Journalist und Schriftsteller, war Mitglied der KPD, die er unter dem Eindruck des Massenmords der Moskauer Schauprozesse 1937/38 verließ. Vor diesem Hintergrund ist „Der Sklavenkrieg“ auch ein Roman der Desillusionierung, übrigens hinreißend erzählt und hervorragend ediert. Man sollte ihn zusammen mit <a href="https://vb-ks.de/kassel-liest/erstrangige-zeitdokumente/">„Sonnenfinsternis“</a> lesen, Koestlers Abrechnung mit dem Stalinismus. Auch hier war die deutsche Urfassung lange verschollen und nur in der Rückübersetzung greifbar, bevor der Elsinor-Verlag das Original herausgab. Wer weiß, welche Überraschungen uns bei Koestler noch erwarten.</p>



<p><em>Arthur Koestler: Der Sklavenkrieg. Roman. Elsinor 2021, 390 Seiten, 29 Euro.</em></p>



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		<title>Bestie Ich</title>
		<link>https://literaturhauskassel.de/bestie-ich/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[verwa]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 19 Feb 2022 08:15:27 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kassel liest]]></category>
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					<description><![CDATA[Josef Kleindiensts Roman „Mein Leben als Serienmörder“. Von Thomas Bündgen.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p><strong>Josef Kleindiensts Roman „Mein Leben als Serienmörder“. Von Thomas Bündgen.</strong></p>



<figure class="wp-block-image alignleft size-full"><img loading="lazy" decoding="async" width="500" height="667" src="https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2022/02/Kleindienst500.jpg" alt="" class="wp-image-10635" srcset="https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2022/02/Kleindienst500.jpg 500w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2022/02/Kleindienst500-480x640.jpg 480w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2022/02/Kleindienst500-200x267.jpg 200w" sizes="auto, (max-width: 500px) 100vw, 500px" /></figure>



<p>&#8222;Und wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein.&#8220; (Nietzsche)<br>In dem Roman „Mein Leben als Serienmörder“ ist der Protagonist Schriftsteller und Schauspieler, wie der Autor von Josef Kleindienst selbst. Nach einer Urlaubsreise, auf der er ein lektoriertes Manuskript verliert, beginnt er mit den Dreharbeiten in der Rolle eines Serienmörders. Nach deren Abschluss und einer Nacht mit Drogen und Alkohol, wobei er sich an die Einzelheiten ab einem bestimmten Punkt nicht mehr erinnern kann, wird er mit den Ermittlungen zu einem Prostituiertenmord konfrontiert.</p>



<p>Kleindienst, dessen dritte Prosaarbeit hier vorliegt, ist selbst ebenfalls als Theater- und Drehbuchautor tätig. Die Fragilität der schauspielerischen Ich-Identität z.B. im „Method Acting“ wird ihm wohlbekannt sein. Insofern zeigt sich sein Protagonist bereits bei den Dreharbeiten als Serienmörder in seinem „normalen“ Selbstbild irritiert. In einer weiteren Steigerung kann er den Verdacht, der Mörder zu sein, eigentlich nicht mehr abwehren. Eine Erinnerung an die Tat ist nicht vorhanden. Die Möglichkeit, die Prostituierte ermordet zu haben, ist nicht ausgeschlossen. Hilflos lässt der Protagonist des Romans die Ereignisse über sich ergehen. Dazu gehören die Reaktion der Boulevardpresse, die der sozialen Medien, die Einladung zu einer Talkshow und ein plötzlicher, unerwarteter Ruhm als Schriftsteller.</p>



<p>Identität ist ein Thema des Buches, aber auch die Unbestimmtheit des Bewusstseins. Im inneren Monolog des Ich-Erzählers werden banale Dinge – etwa über zu tätigende Einkäufe – den immer bedrohlicher werdenden Ereignissen nebeneinander und gleichgestellt.</p>



<p>Der Roman ist in seiner Handlung weniger ein Krimi, er schildert vielmehr eine sich stetig verdichtende Bedrohungssituation, die entfernt an Franz Kafka erinnert, aber auch satirische Elemente nutzt. Nur geht die Bedrohung nicht von den Obrigkeiten aus, sondern von den Lücken des Gedächtnisses und den Abgründen der menschlichen Natur. Der Ich-Erzähler wird in seinem freiberuflichen Alltagsleben, dem Druck der äußeren Umstände und der Möglichkeit des Bösen porträtiert. Dieses ist immer im Hintergrund da und lässt sich idealerweise &#8211; wie in diesem Roman &#8211; zu Drehbüchern verarbeiten.</p>



<p><em>Josef Kleindienst: &#8222;Mein Leben als Serienmörder“, Verlag Sonderzahl, Wien 2022, 182 S., 20 Euro</em></p>



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		<title>Drei furiose Streitschriften und eine vertane Chance</title>
		<link>https://literaturhauskassel.de/drei-furiose-streitschriften-und-eine-vertane-chance/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[verwa]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 05 Feb 2022 08:15:27 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kassel liest]]></category>
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					<description><![CDATA[Daniele Dell’Agli über Andreas Malms Streitschriften.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p><strong>Daniele Dell’Agli über Andreas Malms Streitschriften.</strong></p>



<figure class="wp-block-image alignleft size-medium"><img loading="lazy" decoding="async" width="480" height="445" src="https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2022/02/Malm-480x445.jpg" alt="" class="wp-image-10633" srcset="https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2022/02/Malm-480x445.jpg 480w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2022/02/Malm-980x909.jpg 980w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2022/02/Malm-200x186.jpg 200w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2022/02/Malm-768x713.jpg 768w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2022/02/Malm.jpg 1000w" sizes="auto, (max-width: 480px) 100vw, 480px" /></figure>



<p>Andreas Malm, Professor für Humanökologie (das ist im Kern Umweltgeschichte) an der Universität Lund (Schweden), vereint in sich die Kenntnisse des Wissenschaftlers mit der Ungeduld des Klimaaktivisten, eine Ungeduld, die angesichts des zynischen Prokrastinierens der Regierungen und der fatalistischen Grundhaltung der Bevölkerungen inzwischen immer mehr von heiligem Zorn flankiert wird. Er steht exemplarisch für einen neuen Typus ökologisch engagierter Akteure, die den privilegierten Umstand – zum Beispiel als Professoren – Teil des Systems zu seins, zugleich nutzen, um mit wissenschaftlich beglaubigter Autorität gegen dessen Blindheit und Lethargie in Sachen Klimaschutz zu agitieren.</p>



<p>Malm gehört zu der wachsenden Schar kapitalismuskritischer Ökologen (in Deutschland prominent etwa Harald Lesch), die angesichts der Schlüsselrolle des fossilen Kapitals und der mit ihm operierenden Energiekonzerne fordern, das geochronologische Konzept des Anthropozäns durch den politischen Kampfbegriff des <em>Kapitalozäns</em> zu ersetzen. Obwohl man ihn zweifellos zu den ökologischen Apokalyptikern zählen kann, für die es beim Klima schon fünf nach 12 ist, leitet Malm daraus nicht die Abgeklärtheit der Kollapsologen ab, die dazu aufrufen, alle Kräfte und Ressourcen statt auf die Verhinderung von tipping points doch besser auf&nbsp; den Schutz vor ihren Folgen für unsere Zivilisation zu konzentrieren. Gerade weil Malm bewußt ist, dass eine schlüssige Theorie des Erwärmungszustands unserer Erde je nach dem zu Verzweiflung oder Resignation führen kann, ruft er unverhohlen zum Kampf gegen die Zerstörer unseres Planeten auf. Er setzt darauf, dass seine Arbeit ebenso wie all die anderen immer eindringlicher mahnenden Texte genügend Menschen motivieren, endlich den Bau einer Autobahn oder die Inbetriebnahme eines Kohlekraftwerks als ein Verbrechen an der Menschheit wahrzunehmen und alles Erdenkliche zu tun, diesesn Irrsinn zu stoppen.&nbsp;</p>



<p>Nun hat der Verlag Matthes &amp; Seitz in schneller Folge seine letzten drei Bücher herausgegeben, um diesen Autor, der zu den profiliertesten Stimmen der Klimabewegung gehört, auch in Deutschland bekannt zu machen: „Der Fortschritt dieses Sturms“, „Wie man eine Pipeline in die Luft jagt“ und „Klima/X“ (OT: „Corona, Climate, Chronic Emergency“, geschrieben 2020 in Berlin). Dreh- und Angelpunkt dieser Bücher ist die fossile Ökonomie als Motor des Klimawandels, der er eine umfangreiche historische Studie gewidmet hat („Fossil Capital. The Rise of Steam Power and the Roots of Global Warming“, 2016), auf deren Analysen seine neueren Streitschriften beruhen. Und es gehört zu den Vorzügen von Malms Darstellung der aktuellen Problematik, unsere Wahrnehmung für die historische Dimension des heutigen Desasters zu schärfen: „Der Sturm des Klimawandels bezieht seine Kraft aus unzähligen Verbrennungen der letzten beiden Jahrhunderte.“ Diese Feststellung, die Malm mit einer präzisen Genealogie und unfangreichem Faktenmaterial absichert, ist weniger trivial, als sie anmutet, denn sie bedeutet zum einen, dass die Entwicklung selbst dann nicht zum Stillstand kommt – oder nur mit Generationen Verzögerung –, wenn wir sofort mit der Defossilisierung der Energiegewinnung beginnen; und dass sie sich noch Jahrtausende fortsetzen wird – bis zu einem Meeresspiegelanstieg von 50 Metern –, wenn wir nicht radikal eingreifen: „Für jedes Jahr, in dem die vollständige Dekarbonisierung der Weltwirtschaft aufgeschoben wird – gar nicht zu sprechen von all den Jahren, in denen die Emissionen gleichbleibend oder steigend sein werden –, dehnt sich der Schatten der gemachten Erwärmung ein Stück weiter in die Zukunft aus.“&nbsp;</p>



<p>Und sie bedeutet zum anderen, dass man die Verantwortung für das Geschehene genau adressieren kann, um die Bedingungen für eine erfolgreiche Transformation der Energiewirtschaft und insbesondere für ihre Finanzierung formulieren zu können: das „fossile Kapital“, allem voran die Erdölkonzerne, die durch den Raubbau planetarischer Ressourcen und die Zerstörung unserer Atmosphäre astronomische Gewinne eingestrichen haben, müssen zerschlagen und ihre Vermögen in die wenigstens teilweise Rettung unserer Lebensgrundlagen – z.B. durch Geo-Engineering im globalen Maßstab – investiert werden. Insofern ist der Titel seines Buchs „Wie man eine Pipeline in die Luft jagt“ weder satirisch noch metaphorisch, sondern ganz konkret gemeint als Aufruf, die Infrastrukturen der Energiekonzerne zu zerstören, die am Anfang der langen Kette des ruinösen Wirtschaftens steht, das unsere Lebensgrundlagen zerstört (und deren Ende tägliches Fleischfressen und SUV-Protzerei markiert). Insofern können seine historisch weit ausholenden Essays durchaus als Manifeste bezeichnet werden.</p>



<p>Großen, vielleicht zu großen Raum nimmt in „Der Fortschritt dieses Sturms“ die Kritik an Bruno Latours Konstruktivismus ein, getrieben sicher von der Popularität seiner Neudefinition der Gaia-Hypothese im Lichte einer Hybridisierung von Geist und Natur, von der in Malms Augen kein Weg zu einer Handlungstheorie für den Klimaschutz führt. Dass Latour sich dabei keineswegs, wie von Malm vorgeworfen, von jeglichem Klimarealismus verabschiedet, hat dieser allerdings im zeitgleich (2017) erschienenen „Terrestrischen Manifest“ eindrücklich unter Beweis gestellt. Der Haupteinwand von Malm, Natur existiere auch unabhängig von der Vorstellung, die der Mensch sich von ihr macht, trifft Latour nicht, der in seinen letzten Schriften wiederholt dafür plädiert, sich von einem imaginär und symbolisch besetzten Naturbegriff zu verabschieden, um für die zwar unabhängig vom Menschen existierende, aber immer empfindlicher auf dessen Eingriffe reagierende Wesenheit den kulturgeschichtlich weniger vorbelasteten Begriff „Erde“ zu verwenden.&nbsp;&nbsp;&nbsp;</p>



<p>Dennoch ist Malm recht zu geben, wenn er die Aporien eines – von Latour oder auch von Val Plumwood vertretenen – Omni-Intentionalismus, der auch in der nichtmenschlichen Natur handlungsmächtige Akteure glaubt ausmachen zu können, polemisch aufspießt. Und selbstredend vermisst man bei Latour jene Polarisierungen, die man für die operative Umsetzung des Widerstands gegen die Erdzerstörer braucht, Motto: „In der einen Ecke Exxon Mobil, in der anderen der gefährdete Permafrost: Und dann schreitet man zur Tat.“ Doch dafür haben wir ja Malm (und Naomi Klein und Franziska Heinisch und&#8230;).</p>



<p>Man kann die Bedeutung von Andreas Malms Schriften für eine theoretische Selbstverständigung der Klimaproteste kaum überschätzen; umso seltsamer mutet die politisch korrekte Beflissenheit an, mit der selbst Texte, welche die verhängnisvollste Entwicklung der Menschheitsgeschichte analysieren und Perspektiven zur Verhinderung ihrer schlimmsten Folgen entwerfen, durchgegendert werden, das heißt mit auffälligen, den Lektürefluss störenden und vom Verständnis der Sache ablenkenden&nbsp; Sprachverkrüppelungen einer feministischen Ideologie durchsetzt werden, die nach wie vor von der großen Mehrheit der Bevölkerung abgelehnt wird. Das bezeugt die Instinkt- oder die Verantwortungslosigkeit von Übersetzer und Lektorat, die im Kotau vor den partikularen Ansprüchen des modischen Tugendterrors die Rezeption von Schriften erschwert, die prinzipiell alle des Lesens Kundigen erreichen sollte. Aber auch sonst holpert es in der deutschen Fassung, die Übersetzung ist nicht immer auf der Höhe des Originaltexts, wie schon die durchgängige Verwechslung von Konstruktivismus mit „Konstruktionismus“ signalisiert, sowie die oftmals unbeholfene Wiedergabe selbst einfachster Zusammenhänge: CO2&nbsp;is a trace gas. It is not within the capacity of humans to make it more than a tiny little fraction of the atmosphere.&nbsp;In Frühaufs Fassung heißt es S.91 sinnfrei: “Es entspricht nicht den menschlichen Bedürfnisse(n – Druckfehler), davon mehr als einen winzigen Bruchteil der Atmosphäre zu erzeugen.” Korrekt muss es heißen: „Es übersteigt menschliches Vermögen, daraus mehr als einen winzigen Bruchteil der Atmosphäre zu machen.“ Desgleichen werden eine Seite weiter die Beziehungen (relations) zwischen „precipitation and oscillation“ als solche von „Niederschlag und Schwankung“ wiedergegeben. Das ist nicht falsch, aber auch nicht wirklich verständlich, während für Angelsachsen „oscillation“ im ökologischen Kontext automatisch Klimaschwankungen bedeutet. Ganz zu schweigen von der unfreiwilligen Komik der „Wolken mit uneinheitlichem Inhalt“ (mixed content) oder der monotonen Wiedergabe der inflationär von Malm gebrauchten „agency“ mit Handlungs- oder Wirkungsmacht, wo je nach Kontext auch mal „Selbstwirksamkeit“ oder „Subjektivität“ erhellender gewesen wären. Das sind nur Stichproben wohlgemerkt aus wenigen Buchseiten. Das Lektorat, das den Übersetzer vermutlich unter Zeitdruck gesetzt hat, wäre hier gefragt gewesen, war aber offenbar mit Wichtigerem beschäftigt, nämlich mit der Ausmerzung des generischen Maskulinums durch wortinterne Doppelpunkte und durch pseudogenerische Feminina, die die Genderfauna um so aparte Monster wie „Hybridistinnen“ bereichern und die deutsche Sprache mit absurden Wendungen wie „jemand, die handelt, ist jemand, die etwas tut“ verhohnepiepeln. Schade. Hier ist eine Chance vertan worden, der Griff zum Original ist aber unbedingt zu empfehlen.</p>



<p><em>Andreas Malm: „Der Fortschritt dieses Sturms“ (The Progress of this Storm, 2017), „Wie man eine Pipeline in die Luft jagt“ (How to Blow Up a Pipeline, 2020) und „Klima/X“ (Corona, Climate, Chronic Emergency“, 2021) alle übersetzt von David Frühauf, erschienen bei Matthes &amp; Seitz 2020, 2021).</em></p>



<p></p>



<p></p>
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			</item>
		<item>
		<title>Verlegt Moravia!</title>
		<link>https://literaturhauskassel.de/verlegt-moravia/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[verwa]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 22 Jan 2022 08:15:26 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kassel liest]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://literaturhauskassel.de/verlegt-moravia/</guid>

					<description><![CDATA[Andreas Gebhardt über „Gefährliches Spiel“ von Alberto Moravia.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p><strong>Andreas Gebhardt über „Gefährliches Spiel“ von Alberto Moravia</strong></p>



<figure class="wp-block-image alignleft size-medium"><img loading="lazy" decoding="async" width="480" height="575" src="https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2022/01/Moravia-480x575.jpg" alt="" class="wp-image-10631" srcset="https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2022/01/Moravia-480x575.jpg 480w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2022/01/Moravia-980x1174.jpg 980w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2022/01/Moravia-200x240.jpg 200w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2022/01/Moravia-768x920.jpg 768w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2022/01/Moravia.jpg 1000w" sizes="auto, (max-width: 480px) 100vw, 480px" /></figure>



<p>Matteo, verarmter Adel, ist mit Maria Louisa verheiratet (reicher Adel). Matteo hat aber schon länger ein Verhältnis mit Andreina (falscher Adel). Wegen dieser Affäre hasst Maria Louisa ihren Gatten, will ihn eifersüchtig machen und versucht, mit Pietro anzubändeln. Pietro wiederum ist verlobt mit Sofia, Matteos Schwester. Weil alle von Maria Louisas Reichtum abhängig sind, will Sofia, dass Matteo und Maria Louisa wieder zusammenkommen, denn das sichert auch ihre Vorteile. Leider verliebt sich auch Pietro in Andreina, er glaubt es jedenfalls und löst die Verlobung mit Sofia. Andreina, Mitte 20, wurde zehn Jahre zuvor, als Jugendliche, von Stefano verführt und wohl sogar vergewaltigt. Stefano nun ist der Bruder von Maria Louisa. Er ist krank, siech und verarmt, aber immer noch lüstern wie eh und je. Stefano versucht es abermals bei Andreina. Diese hasst nicht nur Stefano, sondern auch seine Schwester Maria Louisa. Den willensschwachen, in sie verliebten Pietro verachtet sie…</p>



<p>Alberto Moravias zweiter Roman „Gefährliches Spiel“ (ital.: Le ambizioni sbagliate“) erschien 1935 in Italien und 1959 in deutscher Übersetzung bei Rowohlt, wo er bis in die 1990er-Jahre immer wieder aufgelegt wurde.</p>



<p>Moravia (1907-1990) schildert die früh verführte Andreina als eiskalt berechnenden und zugleich unberechenbaren Rachengel. Schön, intelligent, sinnlich, melancholisch, undurchdringlich. Ein Mysterium umgibt diese Frau. Letztlich sind ihr alle Männer selbstsüchtig verfallen und irgendwie stehen sie alle als Trottel dar. Liebe ist hier ohnehin ein Randphänomen. Nur der unschuldige 18jährige Carlino, Andreinas Bruder, liebt wirklich. Er erliegt der Verführung der mehr als 20 Jahre älteren Maria Louisa, die ihn (wie Pietro) für ihr Eifersuchtsränkespiel missbraucht und dann zum Teufel jagt. Nein, es geht hier nicht um Liebe, sondern immer nur um Vorteile, Karrieren, Macht, Geld, Lust, Sex, gesellschaftliches Ansehen und Einfluss. Aber wer ist das eigentliche Opfer? Ist es Maria Louisa? Oder ist es nicht doch eher Andreina selbst, die früh Verführte, Ausgenutzte und Abservierte, deren moralischer Kompass früh zerstört wurde, was auch ihr Leben ruinierte? </p>



<p>Moravia zählt zweifellos zu den größten und erfolgreichsten Autoren des 20. Jahrhunderts. Ein Jammer, dass es keine aktuelle Werkausgabe gibt. Einige seiner Romane und Erzählungen sind bei Wagenbach verlegt. Alles andere – wie auch „gefährliches Spiel“ &#8211; ist leider nur noch antiquarisch z.B. über booklooker.de oder zvab.com zu bekommen, zum Glück recht preiswert. Liebe Leute bei Rowohlt: Legt bitte Moravia wieder neu auf!</p>



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		<title>Der schnöde Mammon</title>
		<link>https://literaturhauskassel.de/der-schnoede-mammon/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[verwa]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 08 Jan 2022 08:15:25 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kassel liest]]></category>
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					<description><![CDATA[„Brotjobs und Literatur“, besprochen von Thomas Bündgen.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p><strong>„Brotjobs und Literatur“, besprochen von Thomas Bündgen</strong></p>



<figure class="wp-block-image alignleft size-medium"><img loading="lazy" decoding="async" width="480" height="480" src="https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2022/01/Brotjobs-480x480.jpg" alt="" class="wp-image-10629" srcset="https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2022/01/Brotjobs-scaled-480x480.jpg 480w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2022/01/Brotjobs-980x980.jpg 980w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2022/01/Brotjobs-200x200.jpg 200w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2022/01/Brotjobs-768x768.jpg 768w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2022/01/Brotjobs-1536x1536.jpg 1536w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2022/01/Brotjobs-2048x2048.jpg 2048w" sizes="auto, (max-width: 480px) 100vw, 480px" /></figure>



<p>Wenn man anfängt, sich in der literarischen Szene Deutschlands zu bewegen, stößt man irgendwann einmal auf die Information, dass nur sehr, sehr wenige Autoren vom Verkauf ihrer Bücher leben können. Einige mehr können von der Summe der Tätigkeiten leben, die im Zusammenhang mit dem Schreiben stehen. Das sind zum Beispiel Vorträge, Lesungen, Auftragsarbeiten, Preise, Stipendien und etliches mehr. Der größte Teil aber all derjenigen, die sich als Schriftstellerinnen und Schriftsteller definieren, muss, um über die Runden zu kommen, Nebenjobs annehmen, sogenannte Brotjobs, ein Phänomen, dass vermutlich so alt ist wie die Literatur selbst.</p>



<p>Mit dem Buch &#8222;Brotjobs und Literatur&#8220;, herausgegeben von Iuditha Balint, bezeichnenderweise die Leiterin des Dortmunder Fritz-Hyser-Instituts für Literatur und Kultur der Arbeitswelt, und anderen, erschien 2021 im Verbrecher Verlag, Berlin eine Sammlung von Aufsätzen, die eine erhellende Sicht von innen repräsentieren.</p>



<p>Autorinnen und Autoren schildern ihr kreatives Leben unter dem finanziellen Aspekt. Dabei sind solche, die vom Schreiben im erweiterten Kontext, siehe oben, leben können, als auch solche, die einer sonstigen Nebentätigkeit nachgehen. Das kann einmal ein eher schlecht bezahlter Job im Dienstleistungsbereich sein, aber auch ebenso ein gelernter Beruf, wie zum Beispiel der des Bäckers, des Therapeuten oder der Hochschullehrerin, Berufe, die die Tätigkeit des Schreibens stilistisch und inhaltlich beeinflussen.</p>



<p>Diese 19 recht unterschiedlichen Beiträge sind teilweise berührend in der Schilderung der Mühen, die dem Schreiben überhaupt zu Grunde liegen und den zeitlichen Schwierigkeiten, alles mit Nebentätigkeiten unter einen Hut zu bekommen. Wir lesen einerseits Essays, andererseits autobiografische Schilderungen und mehr oder weniger poetische Texte, die zum Teil einen klagenden Unterton haben, mit dem Wunsch nach einer besseren Förderung, aber auch zum Teil eine ironische, selbstironische Haltung, so wie etwa: „Meine Eltern haben es ja gleich gesagt…“ Die Beiträge sind auf der einen Seite sicherlich stellvertretend für all diejenigen, die außerhalb der hochsubventionierten Bereiche der „Hochkultur“ einer kreativen Tätigkeit nachgehen und keine „Marktrelevanz“ erreichen. Andererseits reflektieren sie in berührender Weise die Frage „wie will ich leben“ und wofür lohnt es, sich abzumühen.</p>



<p><em>Iuditha Balint u.a.: Brotjobs und Literatur, Verbrecher Verlag, Berlin 2021, 234 S., 19 €</em></p>



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		<title>Verstörende Kargheit</title>
		<link>https://literaturhauskassel.de/verstoerende-kargheit/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[verwa]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 25 Dec 2021 08:15:19 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kassel liest]]></category>
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					<description><![CDATA[Daniele Dell’Agli über Jean-Louis Giovannonis Gedichte.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p><strong>Daniele Dell’Agli über Jean-Louis Giovannonis Gedichte</strong></p>



<figure class="wp-block-image alignleft size-medium"><img loading="lazy" decoding="async" width="480" height="572" src="https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2021/12/Cover-scaled-1-480x572.jpg" alt="" class="wp-image-10628" srcset="https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2021/12/Cover-scaled-1-480x572.jpg 480w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2021/12/Cover-scaled-1-980x1167.jpg 980w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2021/12/Cover-scaled-1-200x238.jpg 200w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2021/12/Cover-scaled-1-768x914.jpg 768w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2021/12/Cover-scaled-1-1290x1536.jpg 1290w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2021/12/Cover-scaled-1-1720x2048.jpg 1720w" sizes="auto, (max-width: 480px) 100vw, 480px" /></figure>



<p>Jean-Louis Giovannoni hat sich mit rund zwanzig Gedichtbänden und ebenso vielen Prosaarbeiten einen festen Platz unter den bedeutendsten Autoren Frankreichs erschrieben. In Deutschland ist er nahezu unbekannt, bislang war von ihm lediglich der Band „Ein Ort im Blick der Steine“ im Verlag Jutta Legeuil (Stuttgart 1989) erschienen. Um mehr ist es zu begrüßen, dass nunmehr der Elsinor Verlag jenes Werk in deutscher Übersetzung herausbringt, mit dem Giovannoni 1974 debütierte und das seinen Ruhm begründete: „Den Toten bewachen“ (Garder le mort).</p>



<p>Der deutsche Titel hält sich dabei peinlich genau am Original, doch vermag er nicht das Schillernde des französischen „garder“ zu vermitteln, das etymologisch aus dem althochdeutschen <em>warten</em> stammt und in dem die vielen Bedeutungsnuancen von achtgeben, bewachen, beschützen, bewahren, behalten bis hin zu „nicht verlassen“ sich bis heute lebendig erhalten haben. Das ganze Spektrum einer solchen „Wache“ angesichts aufgebahrter toter Leichname (der Autor hat seinen Band zwei verstorbenen Frauen gewidmet) entfalten die kurzen Gedichte dieser Sammlung in einer lakonischen, lapidaren Sprache, die im Französischen – das Original kann man in dieser zweisprachigen Ausgabe dankenswerter Weise laufend mitlesen – durchaus Tradition hat, wenn man an etwa an die durch Übertragungen Paul Celans auch bei uns bekannt gewordenen André du Bouchet oder Jean Daive denkt.</p>



<p>Giovannoni indes verschärft die Kargheit dieses in der deutschen Literatur, zumal in der Lyrik, fremden Sprachduktus durch radikalen Verzicht auf metaphorische oder allegorische Konnotationen noch weiter, wodurch die Kälte, das Abweisende und Menschenferne des verstummten, in sich verschlossenen Kadavers beklemmend hervortritt. Diese Bilderaskese ist seitdem der stilistische Kern seiner Poetik geblieben, eines Schreibens gegen den modischen Bilderrausch und seinen wohlfeilen Assoziationsketten, was der Lektüre wiederum eine besondere Art von Konzentration abverlangt, eine Versenkung in die Leere, die sich einstellt, wenn die üblichen Hilfs- und Lockmittel ausbleiben. Denn der schmucklosen Geste des „So-ist-es (und mehr ist da nicht)“ fehlt, ins Extrem getrieben, sogar jedes Pathos der Transzendenzlosigkeit, hier wird nirgends hinübergesetzt, nur teilnahmslos protokolliert, mit unerbittlicher Präzision. Die Geheimnislosigkeit nackter Tatsachen wird in solcher Darstellung dann selbst zum Geheimnis: nämlich des Nichtverstehens oder gar der Unmöglichkeit, die reine Materialität eines zerfallenden Körpers zu verstehen. Und es versteht sich, dass diese Poesie der Erfahrung der Vergänglichkeit irdischen Lebens jeden metaphysischen Trost verweigert, weshalb das buchstäblich rat-lose Fazit am Ende des Gedichtbands nur lauten kann:</p>



<p>On mourra / sans rien comprendre / / On ne peut pas faire autrement //</p>



<p>On ne voulait pas de corps</p>



<p>Wir werden sterben / ohne das geringste zu verstehen / / Wir können nicht anders //</p>



<p>Wir wollten keinen Körper</p>



<p><em>Jean-Louis Giovannoni, Den Toten Bewachen&nbsp; &#8211; Garder Le Mort. Gedichte. Aus dem Französischen von Paula Scholemann und Christoph Schmitz-Scholemann. Elsinor Verlag 2021, 156 Seiten, 16 Euro.</em></p>



<p></p>
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		<title>Die Luft so voller Düfte</title>
		<link>https://literaturhauskassel.de/die-luft-so-voller-duefte/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[verwa]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 18 Dec 2021 08:15:18 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kassel liest]]></category>
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					<description><![CDATA[„Über Meereshöhe“ von Francesca Melandri, empfohlen von Christa Müller.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p><strong>„Über Meereshöhe“ von Francesca Melandri, empfohlen von Christa Müller.</strong></p>



<figure class="wp-block-image alignleft size-medium"><img loading="lazy" decoding="async" width="480" height="533" src="https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2021/12/Melandri-480x533.jpg" alt="" class="wp-image-10625" srcset="https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2021/12/Melandri-scaled-480x533.jpg 480w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2021/12/Melandri-980x1087.jpg 980w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2021/12/Melandri-200x222.jpg 200w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2021/12/Melandri-768x852.jpg 768w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2021/12/Melandri-1384x1536.jpg 1384w, https://literaturhauskassel.de/wp-content/uploads/2021/12/Melandri-1846x2048.jpg 1846w" sizes="auto, (max-width: 480px) 100vw, 480px" /></figure>



<p>Francesca Melandri wurde mit dem Bestseller „Alle außer mir“ weltberühmt. Ihr zweiter Roman „Über Meereshöhe“ ist ein mindestens ebenbürtiges Meisterwerk. Melandri war Drehbuchautorin. Auch wenn uns aus einem Film oder Buch Gerüche nicht erreichen, so ist der erste Satz des Romans – „Eine Luft so voller Düfte, nein, das hatten sie nicht erwartet“ &#8211; beispielhaft für ihre große Begabung, den Leser mit allen Sinnen! in eine Szenerie hineinzuziehen. Die Handlung knüpft an Protestbewegungen der späten 70er Jahre in Italien an, beschreibt besonders in Rückblenden Formen der Gewalt, des Terrors, der (auch inneren) Gefangenenschaft. Wie in einem Brennglas gebündelt, werden Geschehnisse, Erinnerungen und Gefühle der Protagonisten während eines Zeitfensters von zwei Tagen offenbar.</p>



<p>Luisa, Bergbäuerin, Mutter von fünf Kindern, besucht ihren gewalttätigen Mann, einen zweifachen Mörder, im Hochsicherheitstrakt einer romantisch anmutenden Gefängnisinsel vor Sizilien. Sie ist beglückt, zum ersten Mal das Meer zu sehen. Auf der Fähre trifft sie auf Paolo, den humanistisch geprägten Philosophielehrer, dessen Sohn in der terroristischen Szene gemordet hat und nichts bereut. Seine Frau starb vor Kummer. Nitti, der junge Strafvollzugsbeamte, der Mörder bewacht, ist selbst hart und gewaltbereit geworden. Während des Aufenthaltes ist er für die Besucher verantwortlich. Aufkommender Sturm, ein Maestrale, verkürzt den Besuch. Luisa und Paolo erreichen wegen eines Unfalles die Fähre nicht und müssen mitsamt Nitti im maroden Gästehaus, dem Glaspalast, übernachten. Dort kommen diese so unterschiedlichen Menschen ins Gespräch, teilen Gefühle, spenden einander Trost. Auf der Rückreise buchen Paolo und Luisa eine Doppelkabine.</p>



<p>Was mir besonders gefiel, in Kürze: Die präzise Recherche, die u.a. mit dem historischen Hintergrund, dem Gefängnisleben, der schweren Arbeit einer Bäuerin vertraut macht. Die poetische Beschreibung der Natur, des Meeres, für die Melandri wunderbare Bilder findet. Und dann die einfühlsame, detailreiche und vorurteilsfreie Darstellung der Charaktere, die uns mitleiden lässt. Und nicht zuletzt die treffenden, manchmal gewagten Vergleiche.</p>



<p>Und einiges mehr… Es geht nicht anders, Sie müssen es einfach lesen! Oder verschenken.</p>



<p><em>Francesca Melandri: Über Meereshöhe, Roman. Wagenbach Taschenbuch 812, 6. Auflage 2021, 208 S., 14 Euro</em></p>



<p></p>
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